00:00Das hätte ich mir nicht so gedacht. Ich bin da so ein bisschen blauäugig in die Sache reingestolpert,
00:06weil ich Ideen hatte, wie man das Dorf vielleicht voranbringen kann.
00:13Sie hat mit 70 noch einmal ein neues Projekt.
00:16Die deutsche Christiana Scharfenberg ist Bürgermeisterin in einem sterbenden spanischen Dorf.
00:23Wir wollen wissen, warum macht sie das und welche Pläne hat sie?
00:28La Sierva liegt im zentralspanischen Kastilien, 230 Kilometer östlich von Madrid.
00:35Das Dorf hat noch 22 Einwohner, es waren mal über 400.
00:40Immerhin kommt noch die Post, ein mobiler Bäcker, einmal die Woche der Arzt.
00:45Doch hier endet die Landstraße, weiter geht es nicht mehr.
00:51Trotzdem wird die Bürgermeisterin ständig gebraucht.
00:54Diese Frauen wollen heute den Schlüssel für die Kapelle.
00:58Christiana bestellt Handwerker, organisiert die Müllabfuhr, die Sanierung der Wasserleitung.
01:03Ihr Job ist ein Ehrenamt, eines, das viel Einsatz erfordert.
01:07Hier geht es wirklich um die Dinge, um das Dorf.
01:10Ich mache das, weil ich eine Notwendigkeit sehe, das Dorf am Leben zu erhalten und lebenswert zu erhalten.
01:18Christiana war Schulleiterin in Deutschland.
01:21Die Liebe zur Natur hat sie und ihren Mann in die entlegene Gegend verschlagen.
01:26Jetzt versucht sie, La Sierva am Leben zu halten, eines von so vielen Dörfern, die in Spanien ausbluten.
01:32Man könnte wahrscheinlich hier schon Nischen finden für einen Lebensunterhalt.
01:38Aber die wollen in der Stadt leben, wo der Supermarkt fußläufig ist und wo bis um 10 Uhr abends eingekauft
01:46werden kann.
01:47Das ist für den Spanier die Lebensqualität.
01:52Doch es gibt Ausnahmen.
01:54Maria Jesus ist Schäferin aus Leidenschaft.
01:57Seit 20 Jahren.
01:59Sie und Christiana schätzen sich.
02:02Beide verbindet die Liebe zum Landleben.
02:06Mir gefällt das hier.
02:08Ich bin hier geboren, aufgewachsen.
02:09Hier arbeite ich.
02:11Ich finde es nicht so schwer, hier zu leben.
02:15Und dann ist da Jorleni, die Barbetreiberin.
02:19Zusammen mit ihrem Sohn drückt die 32-Jährige den Altersdurchschnitt.
02:24Jorleni ist aus Honduras eingewandert.
02:26Zuerst hat sie in Madrid gelebt.
02:30In Madrid hatte ich drei Jobs.
02:32Ich konnte mich kaum um meinen Sohn kümmern.
02:34Und mein Einkommen hat nicht einmal für die Mieter einer Wohnung gereicht.
02:40Vor einem Jahr kam sie dann hierher.
02:43Sie ist froh, dass sich Christiana so engagiert.
02:45Damit ihr Sohn zur Schule kommt, hat die sogar dafür gesorgt,
02:49dass der Schulbus wieder nach La Cierva fährt.
02:54Der Schulbus holt meinen Sohn hier ab und bringt ihn wieder her.
02:57Und in Madrid musste ich 160 bis 180 Euro fürs Schulessen bezahlen.
03:03Hier brauche ich das nicht.
03:04Für eine alleinerziehende Mutter wie mich ist das eine große Hilfe.
03:12Ausgerechnet eine Migrantin verjüngt das sterbende Dorf.
03:15Im Rathaus müssen sie darüber froh sein.
03:18Obwohl sich Christiana vom Partido Popular hat zur Wahl aufstellen lassen.
03:22Einer konservativen Volkspartei,
03:24die mancherorts Bündnisse mit der fremdenfeindlichen Partei VOX eingeht.
03:28Es dürfe aber niemand ausgegrenzt werden, sagt Christiana.
03:32Auch keine Partei.
03:34Diese Entwicklung der Parteien halte ich für ganz schlecht.
03:38Also dass wir im Grunde so eine Art bürgerkriegsähnliche Zustände da im Kopf haben.
03:44Mit dem rede ich nicht mehr.
03:45Ich bin Pädagogin.
03:47Ich habe in der Schule immer wieder meinen Schülern beigebracht,
03:52wenn wir nicht mehr miteinander reden, können wir keinen Frieden finden.
03:57Genug zu bereden gibt es immer.
04:00Hier, wo immer mehr Häuser verfallen,
04:02wo über die Hälfte der Dörfer nur noch unter 100 Einwohner haben.
04:06Javier Lopez Capapé ist zu Besuch.
04:09Sein Verein will den kleinen Gemeinden dabei helfen,
04:13Geld vom Staat zu beantragen.
04:17Wir haben da ein Verwaltungsproblem,
04:19weil die Gegend hier sich über drei Provinzen hinwegstreckt,
04:22über zwei autonome Regionen.
04:24Und die einigen sich nie.
04:27Deshalb fließen nicht genügend Gelder hierher,
04:29die die Gemeinden und ihre Bewohner dringend brauchen.
04:34Mir ist klar, Spanien wird es wahrscheinlich nicht schaffen,
04:39finanziell.
04:40Ich bin ja Bittsteller überall und für alles,
04:44hier den Tourismus so zu unterstützen, wie ich ihn mir wünsche.
04:49Jorleni und ihre Bar sind deshalb ganz wichtig fürs Dorf und Christianas Pläne.
04:54Eine Win-Win-Situation.
04:57Bis jetzt fühle ich mich wohl hier.
05:00Ich bin halt auch in so einem Umfeld aufgewachsen, bis ich 18 war.
05:04Also fühle ich mich fast so wie in meinem Land.
05:09Doch La Cierva braucht viel mehr Zuwanderer, um zu überleben.
05:13Das ist Christianas oberstes Ziel.
05:16Dass sie nicht von hier ist, sieht sie dabei als Vorteil.
05:19Ich bin niemandem einen Gefallen schuldig.
05:23Und das, finde ich, ist auch eine Erleichterung für meine Arbeit im Rathaus.
05:30Also insofern, von außen ist gut.
05:32Es muss nicht bis aus Deutschland sein.
05:37Seit drei Jahren ist Christiana nun im Amt.
05:40Ob sie nächstes Jahr wieder kandidiert, weiß sie noch nicht.
05:44Ihr war ja nicht klar, wie anstrengend ihr Kampf um La Cierva würde.
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