#Hörbuch #deutsch
Das Ergebnis ist eine spannende und äußerst unterhaltsame Krimigeschichte, die darüberhinaus zur Figur des Sherlock Holmes wie die berühmte "Faust aufs Auge" passt.
Das Ergebnis ist eine spannende und äußerst unterhaltsame Krimigeschichte, die darüberhinaus zur Figur des Sherlock Holmes wie die berühmte "Faust aufs Auge" passt.
Kategorie
🎵
MusikTranskript
00:00:11Musik
00:00:52Was halten Sie von der Sache?
00:00:54Sie machen sich Sorgen um Ihren Freund und Kollegen gut und schön.
00:00:57Aber dass sich jemand bis über beide Ohren in Arbeit vergräbt und dabei mehr als nur einmal über die Stränge
00:01:03schlägt, das ist ja schließlich nicht strafbar.
00:01:05Auch wenn der rebellierende Körper da sicher manchmal anderer Meinung sein dürfte.
00:01:11Nicht wahr, Holmes?
00:01:12Tja, und das, Mr. Devenport, ist ein Nachteil, wenn der beste Freund nicht nur Kollege, sondern auch gleichzeitig Mediziner ist.
00:01:21Nicht wahr, Watson?
00:01:23Das ist kein Nachteil.
00:01:24Aber zu Ihrem Anliegen. Ich kann verstehen, dass Sie aufmerken, wenn Ihr Kollege, den Sie bisher als zurückhaltend und leicht
00:01:32phlegmatisch eingeschätzt haben,
00:01:35überraschende Aktivitäten entwickelt, die so gar nicht konkurrent zu seiner Persönlichkeit sind.
00:01:41Andererseits reichen mitunter Kleinigkeiten aus, um jemanden aus dem Gleichgewicht zu bringen, das kennen Sie ja.
00:01:46Als Trivialstes aller Beispiele durfte hier die Liebe angeführt werden.
00:01:52Das ist bei Archibald nicht.
00:01:54Sehen Sie, wie ich vorhin bereits erwähnte, unterliegt ihm als Archivar die strenge Aufsicht über sämtliche Schriftstücke des Königshauses.
00:02:03Das umfasst nicht nur die Bücher, die für sich allein den größten Teil der Sammlung ausmachen.
00:02:09Es geht vor allem um die bedeutenden Dokumente, die Urkunden, königliche Bullen, das Kartenmaterial.
00:02:18Und da befindet er sich mittlerweile auf Wegen, die mit den Regeln und Anweisungen seitens seines Arbeitgebers in keiner Weise
00:02:27konform sind.
00:02:28Mhm. Sie sprechen also von Abwägen.
00:02:30Wie haben wir das zu verstehen, Sir?
00:02:32Es ist, und das hat er mir mal selbst gesagt, bei Strafe strengstens untersagt, kostbare Originale aus den Räumlichkeiten des
00:02:42Archivs und sei es zu Studienzwecken mitzunehmen.
00:02:45Und er hat diese Anordnung verletzt.
00:02:48Verletzt? Ja. Sie glauben ja nicht, welche Werte sich auf seinem Schreibtisch stapeln.
00:02:53Und diese kostbaren Schriften liegen offen herum, kreuz und quer verstreut.
00:02:58Haben Sie denn, Mr. Caldwell, daraufhin angesprochen?
00:03:03Selbstverständlich.
00:03:04Bei meinem letzten Besuch sah ich sofort, dass es sich bei den Dokumenten nicht um Abschriften handeln konnte.
00:03:12Das ist nicht dein Ernst, Archibald.
00:03:15Ich kann meine Arbeit jetzt unmöglich unterbrechen. Ich stehe kurz vor dem Durchbruch.
00:03:20Das ist alles unbezahlbar, was du hier liegen hast.
00:03:22Was ist, wenn das rauskommt?
00:03:24Wie sollte es? Mir obliebt die Aufsicht. Und ich habe den Schlüssel.
00:03:29Außerdem will ich diese Papiere ja nicht behalten. Ich werde sie zurückbringen, wenn ich so weit bin.
00:03:34Das kann nicht gut gehen. Hier liegen hunderte Briefe.
00:03:37Um die Antwort auf eine der meist diskutierten Fragen des späten Mittelalters zu bekommen, nehme ich das gerne in Kauf.
00:03:44Gerade du solltest das doch verstehen können.
00:03:48Womit genau beschäftigt sich denn Mr. Caldwell?
00:03:53Mit den Rosenkriegen.
00:03:55Oh, ein überaus brisantes und weitschweifiges Thema.
00:03:59Darauf haben sich doch gewiss unzählige Historiker spezialisiert.
00:04:04Allerdings. Ich könnte den ganzen Tag davon erzählen und würde doch nur an der Oberfläche kratzen.
00:04:11Und Mr. Caldwell will nun tiefer schürfen, den Zusammenhängen auf den Grund gehen.
00:04:18Nun, es war gewissermaßen sein Steckenpferd. Obwohl er als Archivar und Restaurator diesbezüglich nur Autodidakt ist.
00:04:27Aber das bleibt wohl nicht aus, wenn man an der Quelle sitzt. Sein Vorgänger ist wohl auch ein solcher Fachmann.
00:04:35Sie glauben, ein Besuch meinerseits könnte Ihren Freund dazu bringen, abzulassen von seiner momentanen, man muss es schon sagen, Besessenheit,
00:04:43um sich wieder seinen eigentlichen Aufgaben zuzuwenden.
00:04:46Naja, mir ist es jedenfalls nicht gelungen.
00:04:50Sir, glauben Sie nicht, er könnte etwas befremdet reagieren, wenn er erfährt, dass Sie bei uns vorgesprochen haben?
00:04:56Ich weiß mir aber nun mal keinen anderen Rat, Dr. Watson. Archibald ist die Junggeselle. Er unterliegt nur seinem eigenen
00:05:04Gewissen.
00:05:05Davon abgesehen, ich riskiere lieber einen offenen Streit mit ihm, als dabei zusehen zu müssen, wie ihm der Prozess gemacht
00:05:13wird.
00:05:13Ach, Sie stellen also die Prävention strafrechtlicher Folgen Ihrer Freundschaft mit Mr. Cordwell voran?
00:05:22Ironischerweise, um selbige zu retten, das ist nobel und das respektiere ich.
00:05:28Dann kann ich also mit Ihrer Hilfe rechnen?
00:05:30Watson, erlaubt unser Zeitplan einen kurzen Besuch bei Mr. Cordwell?
00:05:34Je nachdem, wie schnell wir sind, steht dem nichts entgegen. Aber, Holmes, nicht vergessen, wir sind um fünf mit Lestrade
00:05:42verabredet.
00:05:43Ja, ja, es ist jetzt zwei. Mr. Davenport, ich nehme an, Sie möchten uns begleiten.
00:05:55Ich gebe offen zu, dass mir das Anliegen, mit dem uns Geschichtsprofessor Lester Davenport damals in jenem Herbst in der
00:06:03Baker Street besuchte, befremdlich anmutete.
00:06:06Einem gestandenen Mann wie Mr. Cordwell sollte auch ohne unser Dazutun klar sein, dass er sich bei der Sache mehr
00:06:13als nur die Finger verbrennen konnte.
00:06:16Jedenfalls war der Tag seinerzeit gut gewählt. Denn die Anwesenheit Lestrades, den wir im Jard einen Besuch abstatten wollten, sollte
00:06:24schneller vonnöten sein, als ich gedacht hatte.
00:06:28Wieder nichts.
00:06:29Merkwürdig. Archibald sollte eigentlich zu Hause sein. Deshalb bin ich ja extra zu Ihnen gekommen.
00:06:35Entweder Mr. Cordwell will nicht öffnen, da er lieber ungestört sein möchte, oder er kann nicht öffnen, weil er nicht
00:06:42da ist. Schlimmstenfalls, weil er dazu nicht in der Lage ist.
00:06:48Tja, wie gehen wir denn nun weiter vor, Holmes?
00:06:51Pragmatisch.
00:06:52Eie, pragmatisch.
00:06:54Wenn Sie als sein Freund vorangehen möchten, bitteschön.
00:06:56Danke. Archibald, bist du da?
00:06:59Ich hoffe sehr, dass er nur außer Haus ist, Holmes.
00:07:03Auch das kann unter Umständen kein gutes Zeichen sein.
00:07:06Wieso das?
00:07:07Ähm, wo ist das Arbeitszimmer von Mr. Cordwell?
00:07:11Links.
00:07:11Ah ja.
00:07:13Meine Güte, wie sieht...
00:07:15Was hat das zu bedeuten?
00:07:16Nun, auf den ersten Blick genügt möglicherweise die Entschuldigung eines sehr unaufgeräumten Arbeitszimmers.
00:07:23Aber auf den zweiten Blick würde ich sagen, dass diese Unordnung einer ungestümen Durchsuchung geschuldet ist.
00:07:30Das entspricht aber nicht der Unordnung, von der Sie vorhin sprachen, oder, Sir?
00:07:35Nein. Archibald muss völlig den Verstand verloren haben. Wieso, um Gottes Willen, richtet er sein Allerheilichstes solchermaßen zu?
00:07:44Bezug nehmend auf den gerade von Ihnen erwähnten Geisteszustand Ihres Freundes nehme ich an, dass Sie sich Ihre Frage selbst
00:07:52beantwortet haben. Watson?
00:07:54Nun ja, es kann durchaus sein, dass sich jemand derart in seine Arbeit hineinsteigert und dass er irgendwann den Verstand
00:08:01verliert.
00:08:01Oder aber wir gehen von Schlimmerem aus und bringen sein Verschwinden und die Unordnung seines Arbeitszimmers mit Fremdverschulden in Verbindung.
00:08:10Sie meinen, er wurde überfallen oder etwa verschleppt?
00:08:14Mr. Davenport, der Sache, der Mr. Caldwell nachging, war sie trotz ihrer offensichtlichen Ansiedlung im Mittelalter derart bedeutend, dass man
00:08:25dafür ein Verbrechen begehen würde?
00:08:28Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Das Ganze liegt ja schon über 400 Jahre zurück.
00:08:34Würden Sie für uns dennoch etwas konkreter werden, womit genau hat er sich bei seinen Recherchen der Rosenkriege befasst?
00:08:42Archibald hatte offenbar eine neue, eine verheißungsvolle Spur entdeckt, die eine Antwort auf das Verschwinden der Brüder Richard und Edward
00:08:52liefern konnte.
00:08:52Sie sprechen von den beiden Prinzen, die im Tower verschwanden.
00:08:56Und die möglicherweise von Richard, dem Duke of Gloucester, umgebracht wurden.
00:09:02Später besser bekannt als Richard III., König von England.
00:09:12Wer immer hier gewütet hatte, er war gründlich gewesen.
00:09:16Denn wir fanden nichts, was dem Archiv des Towers entstammte.
00:09:20Da es uns unser Zeitplan erlaubte und wir zu diesem Zeitpunkt keinen besseren Anhaltspunkt hatten,
00:09:27fuhren wir zum Tower von London, während Mr. Davenport in Caldwells Wohnung Posten bezog, um auf dessen Rückkehr zu warten.
00:09:38Möglicherweise ist unsere Sorge um Mr. Caldwell unbegründet.
00:09:42Was, wenn er in Rage über eine herbe Enttäuschung bei seinen Studien sein Arbeitszimmer selbst so zugerichtet hat
00:09:48und im Anschluss den ganzen Kram zusammengerafft und zurückgebracht hat?
00:09:52Hm, sollte dem so sein, werden wir ihn ja gleich hier treffen und er kann uns Ihre Theorie bestätigen.
00:09:57Wie lautet denn Ihre Theorie, wenn ich fragen darf?
00:10:00Ich glaube, dass die Abstinenz seinerseits unfreiwillig ist und wir möglicherweise zu spät kommen werden.
00:10:08Naja, wir haben schon so manches Mal auf Lestrade warten müssen.
00:10:12Da wird er uns bestimmt nicht...
00:10:13Ich spreche nicht von unserer Verabredung mit Lestrade, sondern von der körperlichen Unversehrtheit von Archibald Caldwell.
00:10:20Sie glauben ernsthaft? Ihm könnte etwas zugestoßen sein?
00:10:24Ja, nach diesen Vorzeichen bin ich geneigt zu sagen, ihm ist etwas zugestoßen.
00:10:32Wir sprachen am Besuchereingang vor und nachdem ein höherer Entscheidungsträger hinzugezogen worden war,
00:10:39dem Holmes seine Sorge um Mr. Caldwell verdeutlichte, ließ man uns ein.
00:10:43Von der Ordnanz erfuhren wir auch, dass sich Caldwells Arbeitszimmer in einem Seitenflügel des Waterloo-Blocks befand.
00:10:51Je in dem Gebäude, weil sie es nicht nur das Archiv, sondern auch die Kronjuwelen inne hatte.
00:10:57Aber auch dort trafen wir ihn nicht an.
00:11:02Vorschläge Ihrerseits zu uns?
00:11:03Naja, es hat keinen Sinn, die einzelnen Gebäude nach ihm zu durchkämmen.
00:11:07Das hieße, die sprichwörtliche Stecknadel im Heuhaufen zu suchen.
00:11:10Wir müssen uns im Moment darauf verlegen, auf Mr. Caldwells Rückkehr zu warten.
00:11:14Wie auch immer diese geartet sein mag.
00:11:17Dann nehmen wir uns jetzt eine Droschke und fahren die knapp zwei Meilen bis zum Jahr.
00:11:21Und kommen sogar noch pünktlich.
00:11:26Uns meinen Sie, wir sollten Lestrade von der Sache erzählen?
00:11:30Das hieße, den offiziellen Weg zu gehen.
00:11:32Ich glaube nicht, dass das im Sinne von Mr. Davenport wäre, zumal immer noch die Möglichkeit besteht,
00:11:37naja, dass die Sache ein ganz simples Ende nimmt.
00:11:41Der Keil aber, den eine Anzeige seitens der Polizei in die Freundschaftsbande der beiden treiben würde,
00:11:48ließe sich garantiert nicht so einfach entfernen.
00:11:51Dann also stillschweigen.
00:11:53Bis wir weitere Erkenntnis haben.
00:11:56Ja.
00:11:56Da drüben scheint irgendetwas los zu sein.
00:11:59Hm.
00:12:00Sehen wir es uns mal an.
00:12:02Da stehen alle am Ufer.
00:12:05Ist jemand ins Wasser gefallen?
00:12:09Constable, was ist passiert?
00:12:10Machen Sie bitte Platz.
00:12:13Zurücktreten.
00:12:14Das gilt auch für...
00:12:15Mr. Holmes?
00:12:17Wo kommen Sie denn so schnell her?
00:12:18Bitte kein Aufhebensdarm.
00:12:20Sagen Sie mir nur, was passiert ist.
00:12:22Sehen Sie hier.
00:12:23Das hat eben ein Passant entdeckt.
00:12:25So treten Sie doch zur Seite.
00:12:26Ein Seil, das am Geländer befestigt ist.
00:12:30Es ragt hinab ins Wasser.
00:12:31Würden Sie mir kurz helfen?
00:12:33Dr. Watson, richtig?
00:12:34Ganz recht, ja.
00:12:35Warten Sie, warten Sie.
00:12:36Ich fasse mit an.
00:12:37Ja, ja, ja, ja.
00:12:39Tu meine Güte.
00:12:40Hups, sehen Sie aber, da hängt jemand dran.
00:12:43Ein Selbstmörder.
00:12:44So wie es aussieht, ja.
00:12:46Eher unwahrscheinlich.
00:12:47Watson, ich habe das Gefühl, dass wir uns das Geld für die Kutsche sparen können
00:12:50und Nistrat trotzdem in Kürze sehen werden.
00:12:55Es dauerte tatsächlich keine halbe Stunde und der Jardt betrat die Bühne.
00:13:01Das Areal um den Fundort der Leiche wurde daraufhin abgeriegelt und die Polizei nahm ihre Ermittlungen auf.
00:13:10Listrat, konnte die Brieftasche des Toten schon sichergestellt werden?
00:13:14Äh, nein.
00:13:15Moment, warten Sie.
00:13:16Ah, hier.
00:13:17Hier ist das Ding.
00:13:19Der Mann heißt...
00:13:20Archibald Caldwell.
00:13:22Sind Sie hellsehend?
00:13:23Ach, Sie wissen, wie sehr ich derlei Äußerungen schätze.
00:13:26Also, sonst hat er nichts bei sich?
00:13:28Nein, alle anderen Taschen sind leer.
00:13:31Hums, woher wussten Sie, dass dies die Leiche von unserem Mr. Caldwell ist?
00:13:36Weil ich mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehe, Watson.
00:13:40Ich war ebenso wie Sie in seiner Wohnung.
00:13:42In seinem Arbeitszimmer hingen Fotos.
00:13:45Und ein Abgleich mit dem Konterfei der Leiche gab mir sofort die Gewissheit,
00:13:49dass es sich um Mr. Caldwell handelt, denn reine Formsache.
00:13:53Ja, natürlich, reine Formsache.
00:13:54Wie es sich anhört, schreitet Ihre Ermittlungsarbeit rasch voran, noch bevor ich weiß, worum es überhaupt geht.
00:14:00Ich kann Ihnen versichern, Listrat, dass wir bis vor einer Stunde noch keine Ahnung davon hatten, in einem Mordfall zu
00:14:06ermitteln.
00:14:07Sprechen Sie bitte nur für sich, Watson.
00:14:09Hums, das war doch nicht vorauszusehen.
00:14:11Listrat, spreche Ihrerseits etwas dagegen, den Leichnam sofort abtransportieren zu lassen?
00:14:17Durchaus nicht.
00:14:18Warum denn auf einmal die Eile?
00:14:20Sind wir hier schon fertig?
00:14:21Zum einen möchte ich, dass Sie das Mordopfer so schnell wie möglich mit Ihrem fachkundigen Blick in näheren Augenschein nehmen.
00:14:27Und zum anderen habe ich den Verdacht, dass wir einen Zuschauer haben.
00:14:32Sehen Sie, aber bitte unauffällig, über meine linke Schulter, der hochgewachsene Mann mit dem eng geschnittenen schwarzen Mantel.
00:14:40Meinen Sie, ich soll mir den mal vorknöpfen, Hums?
00:14:42Nein, nein, nein, nein, das wäre vorschnell.
00:14:44Sollte Ihnen tatsächlich mehr an der Sache liegen, als wir momentan wissen, werden wir ihn sicherlich bald wiedersehen.
00:14:51Also gut.
00:14:52Äh, Constable, Sie können die Leiche jetzt abtransportieren lassen.
00:14:55In Ordnung, Sir.
00:14:56Äh, dort vorne steht meine Kutsche. Ich nehme an, Sie fahren mit mir?
00:14:59Äh, eine Sache noch, Hums.
00:15:02Warum glauben Sie, dass wir es hier mit einem Verbrechen zu tun haben? Nur wegen der durchwühlten Wohnung?
00:15:08Haben Sie sich mal umgesehen, wo wir hier stehen?
00:15:12Ja, und?
00:15:13Hätten wir Niedrigwasser, wüssten Sie sofort, wovon ich spreche.
00:15:17Archibald Cordwell hing über der Durchfahrt, die zum Traitors Gate führt.
00:15:23Jenem Eingang zum Tower, der Verrätern und anderen Unglücklichen vorbehalten blieb, die beim König in Ungnade gefallen waren.
00:15:39So hatte ich mir den Nachmittag nun wirklich nicht vorgestellt.
00:15:44Statt in Lestrats Büro über ungelösten Kriminalfällen zu brüten, standen wir kurze Zeit später in der bedrückenden Tristesse eines schäbig
00:15:53gekachelten Leichenschauhauses.
00:15:56Ungezählte Risse durchzogen das Mauerwerk.
00:15:59Putz war überall von der Decke abgeplatzt.
00:16:02Und die Farbe schälte sich in großen Stücken von den Wänden und lag teilweise sogar auf den leeren Bahren.
00:16:08Und ich dachte, ich hätte in Afghanistan unter miserablen Bedingungen arbeiten müssen.
00:16:14Aber hier, tja, eine zusätzliche Petroleumlampe in dieser Dunkelkammer, das wäre jetzt sehr hilfreich.
00:16:22Nun seien Sie doch nicht so penibel, Watson. Können Sie nicht auch so schon etwas sagen?
00:16:27Wollen Sie nun von mir eine Expertise oder soll ich nur mal drüber gucken?
00:16:31Das mache ich davon abhängig, wie viel Sie mir beim Drüber gucken schon sagen können.
00:16:35Na dann. Also, ich sehe in diesem Licht wohlgemerkt soweit keine äußeren Verletzungen, keine Schnitte, keine Prellungen.
00:16:46Nur hier am Hals, um den der Strick geknotet war, finden sich deutliche Hautabschürfungen.
00:16:54Mehr aber auch nicht. Und das ist im Übrigen äußerst merkwürdig.
00:16:59Wieso? Was haben Sie gefunden?
00:17:01Sie wissen sicherlich, dass man beim Erhängen auf zweierlei Art sterben kann.
00:17:06Erstens, man hat, nun ja, Glück und das Genick bricht unter der ruckartige Zugbelastung des eigenen Körpergewichts.
00:17:14Oder zweitens, man erstickt langsam. Bei Letzterem verfärbt sich das Gesicht bläulich bis hin ins Schwarze.
00:17:22Naja, ich hatte bereits des Öfteren das Vergnügen eines solchen Anblicks.
00:17:26In beiden Fällen aber hinterlässt der Strick ein ringförmiges, deszendierend auslaufendes Hämatom.
00:17:34Ein was?
00:17:35Ein Bluterguss.
00:17:36Richtig, ein Bluterguss. So etwas allerdings passiert nicht postmortem.
00:17:41Das bedeutet also, dass Archibald Cordwell zum Zeitpunkt seines, wie wir jetzt wissen, vorgetäuschten Suizids bereits tot war.
00:17:50Damit handelt es sich also um ein Verbrechen? Um Mord?
00:17:53Davon gehe ich aus.
00:17:55Naja, das ist doch schon mal was. So, Lestrade und ich werden Ihnen jetzt eine weitere Petroleumlampe organisieren.
00:18:02Ich ahne auch schon, warum.
00:18:04Ihre Ahnung trügt sie nicht. Ich muss wissen, wie Archibald Cordwell ermordet wurde.
00:18:13Unter Zuhilfenahme einer weiteren Lichtquelle konnte ich abschließend attestieren, dass Mr. Cordwell weder ertrunken noch stranguliert worden war.
00:18:23Er starb an einer kaum sichtbaren Stichverletzung, die ihm knapp unterhalb des linken Rippenbogens zugefügt worden war.
00:18:33Es war später Nachmittag, als wir abschließend in Lestrads Büro zusammensaßen.
00:18:39Wir hatten ihm von Mr. Davenports Besuch erzählt und was wir bis zum Auffinden der Leiche erlebt hatten.
00:18:45Cordwell wurde also erstochen.
00:18:47Aber warum? Nur weil er in alten Briefen schnüffelte?
00:18:51Möglicherweise bargen diese Briefe ein Geheimnis.
00:18:53Wenn Sie recht haben, Watson, dann würde das bedeuten, dass es jemanden gibt, der ebenfalls davon wusste.
00:18:59Aber wie schafft man es, eine Leiche unbemerkt von der Öffentlichkeit und in unmittelbarer Nähe des Towers an ein Geländer
00:19:05zu hängen?
00:19:05Es muss in den Morgenstunden passiert sein, als der Wasserstand der Temse noch nicht seinen Scheitelpunkt erreicht hatte.
00:19:12Um diese Uhrzeit ist es jetzt im Herbst noch sehr dämmerig, nicht wahr?
00:19:16Außerdem hatten wir die letzten Tage Frühnebel, der nicht dichter hätte sein können. Einschließlich heute.
00:19:23Aber das ganze Blut?
00:19:24Ich glaube nicht, dass viel Blut ausgetreten ist. Bei dem Stich handelt es sich um eine sogenannte gedeckte Perforation.
00:19:32Das heißt, die umliegenden Gewebeschichten verschlossen die Pforte nach Entfernen der Tatwaffe wieder.
00:19:38Der durchstoßene Herzmuskel stellte überdies sofort die Arbeit ein.
00:19:43Auch an der Kleidung fand ich so gut wie kein Blut.
00:19:46Ich könnte mir auch vorstellen, dass der Mörder die Länge des Stricks nicht zufällig gewählt hat.
00:19:52Die Leiche wäre erst bei Niedrigwasser zu sehen gewesen.
00:19:56Und wo setzen wir denn nun den Hebel bei der Sache an, Holmes?
00:20:00Ich schlage vor, wir holen noch ein paar Informationen ein.
00:20:03Bei Mr. Davenport?
00:20:05Ich dachte eher an den Vorgänger, den Davenport erwähnte.
00:20:12Während sich Inspektor Lestrade auf den Weg zu Caldwells Wohnung machte, um den dort wartenden Leicester Davenport zu befragen, fuhren
00:20:20Holmes und ich in den Norden Londons.
00:20:22Dort, so hatten wir im Tower erfahren, wohnte Charles Bullton, der das Amt des Archivars vor Archibald Caldwell innehatte.
00:20:30Seit mittlerweile vier Jahren im wohlverdienten Ruhestand widmete er sich nun voll und ganz der Studie der frühenglischen Geschichte.
00:20:39Ich habe ja schon einige Experten in meinem bescheidenen Heim empfangen, dass ich jedoch mal Sherlock Holmes hierher verirren würde,
00:20:48um mit mir über derlei Fragen zu fachsimpeln.
00:20:53Lassen Sie mich nur rasch das Sofa und den Tisch freiräumen.
00:20:58Hier gibt es ja, hier sieht es ja wieder aus.
00:21:02So, bitte, nehmen Sie Platz.
00:21:04Vielen Dank, Sir.
00:21:06Erlauben Sie mir zu Beginn direkt eine Frage.
00:21:10Selbstverständlich.
00:21:10Ohne mein Licht unter den Scheffel stellen zu wollen, aber warum wenden Sie sich gerade an mich?
00:21:17Es gibt so viele sogenannte Fachleute, die sich gewiss darum reißen würden, Ihnen mit ihren Theorien aufzuwarten.
00:21:26Ich bin sicherlich ein Kenner der Materie, aber kein studierter Akademiker.
00:21:33Wissen Sie, Mr. Bolton, es geht bei meinem Anliegen auch nicht um in steingemeißelte Titel.
00:21:38Über dies bedeutet ein akademischer Titel nicht automatisch einen Fundus an Wissen.
00:21:44Gut, dann lassen Sie hören, was genau führt Sie zu mir?
00:21:48Durch die Blume gesprochen, die weiße Rose von York und die rote Rose von Lancaster.
00:21:55Das freut mich zu hören. Und welche der Familien bevorzugen Sie?
00:22:01Ich muss gestehen, dass ich dazu keine Meinung habe.
00:22:04Wichtig ist für mich momentan nur, dass deren komplizierte Vergangenheit offenbar in direktem Zusammenhang mit einem Verbrechen zu stehen scheint.
00:22:13Mit einem Verbrechen. Entschuldigen Sie bitte meinen spontanen Heiterkeitsausbruch, aber die Zeit der Rosenkriege war die Hochzeit des Verrats.
00:22:25Der Meuschelmorde, incertiöser Verbindungen, Kinderhochzeiten und mit blanker Klinge ausgetragener Konflikte.
00:22:34Gott sei Dank sind diese Zeiten vorbei, wenn man das angesichts mancher Zeitungsmeldungen auch kaum zu glauben vermag.
00:22:43An welche Art von Verbrechen hatten Sie denn gedacht?
00:22:47Ich glaube, ich habe mich etwas missverständlich ausgedrückt, verzeihen Sie.
00:22:50Das Verbrechen, von dem ich spreche, liegt erst wenige Stunden zurück.
00:22:55Erst wenige Stunden zurück? Wie sollte das zugehen?
00:22:59Sagt Ihnen der Name Caldwell etwas?
00:23:03Caldwell. Archibald Caldwell, na selbstverständlich.
00:23:08Er ist der Archivar am Königlichen Hof.
00:23:11Überdies mein Direktor Nachfolger. Er wurde seinerzeit von mir sogar für das Amt vorgeschlagen.
00:23:17Ist er ein Kenner der Materie wie Sie?
00:23:20Absolut. Wissen Sie, wenn man über 30 Jahre lang das Königliche Archiv mit all seinen Schätzen hütet,
00:23:27dann ist es so, als müsste man sein eigenes Kind in fremde Hände geben.
00:23:33Es musste also jemand mit Passion sein, dem die Arbeit mit Begeisterung ans Herz wachsen würde.
00:23:41Bei Archibald spürte ich diese Gabe.
00:23:44Darum hatte ich mich seinerzeit dafür eingesetzt, bei der Entscheidungsfindung eine Empfehlung aussprechen zu dürfen.
00:23:54Hat er sich etwas zu Schulden kommen lassen?
00:23:57Naja, das kann ich noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Nur, dass er ermordet wurde.
00:24:03Archibald? Wurde ermordet? Aber warum?
00:24:08Tja, auch das weiß ich noch nicht.
00:24:11Mir wurde jedoch zugetragen, dass er sich mit dem gleichen Thema beschäftigte wie Sie.
00:24:16Genauer, dass er kurz vor einer Entdeckung stand, die für Aufsehen unter Historikern und Gelehrten gesorgt hätte.
00:24:24Ach ja? Worum ging es denn?
00:24:28Mr. Bolden, Ihrer vorangegangenen Bestürzung entnehme ich, dass Sie durchaus im Bilde sind, womit sich Mr. Caldwell befasst hat.
00:24:35Und bei meinem derzeitigen Ermittlungsstand muss ich annehmen, ja, so unwahrscheinlich sich das auch anhören mag, dass er einer Sache
00:24:44auf der Spur war, die irgendjemand unter allen Umständen sogar zum Preis eines Menschenlebens geheim halten will.
00:24:51Daher wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie zu Ihrer anfänglichen Aufgeschlossenheit zurückfänden und mit uns zusammenarbeiten würden.
00:25:01Dass es um das Verschwinden der Prinzen geht, das wissen wir bereits von Lester Davenport.
00:25:06Und deshalb hätte ich vorab zwei Fragen an Sie. Wie gut kannten Sie und Archibald Caldwell sich wirklich? Und welchem
00:25:14folgenschweren Novum war er auf der Spur? Na?
00:25:20Also, gut. Wann immer Archibald Fragen betreffend der Zuordnung mancher fast nicht mehr lesbarer Dokumente hatte, wandte er sich an
00:25:30mich.
00:25:31Er brachte sie sogar manchmal, verbotenerweise, wie ich gestehen muss, zu mir.
00:25:37Und Sie haben ihn gewähren lassen?
00:25:41Ja, das habe ich. Es ist schwer, mit jemandem über die Magie scheinbar leblosen Papiers zu sprechen.
00:25:48Denn es ist so viel mehr als nur verblassene Schrift auf altem Pergament. Es ist lebendige Geschichte.
00:25:59Bei jedem Umblättern erhebt sich die leise wispernde Stimme zwischen den Seiten, die so viel über die vergangenen Jahrhunderte zu
00:26:09erzählen vermag.
00:26:10Ich habe Jahre gebraucht, bis ich sie hören konnte. Aber seitdem ist sie in meinem Kopf und ich vermisse ihren
00:26:19Klang jeden Tag.
00:26:22So wie Odysseus einst dem Gesang der Sirenen nachtrauerte.
00:26:28Sie sagten, er wurde ermordet. Darf ich erfahren, was passiert ist?
00:26:34Wir fanden ihn vor einigen Stunden am Geländer über dem Traitors Gate hängen.
00:26:39Überdies gab es entsprechende Spuren, die auf ein Fremdverschulden hinweisen.
00:26:46Gut. Ich werde Ihnen sagen, was ich weiß.
00:26:51Sicherlich kann ich Ihnen auch die Richtung weisen, welche Art seine Nachforschungen waren.
00:26:57Aber trotzdem glaube ich nicht, dass ich damit Licht ins Dunkel bringen kann.
00:27:02Ich bitte Sie, versuchen Sie es dennoch. Nun, Mr. Bolton?
00:27:07Gut. Die Geschichte der beiden Prinzen darf ich bei Ihnen als bekannt voraussetzen.
00:27:13Aber gewiss doch.
00:27:14Da ich aber von meinem geschätzten Publikum ein solch weitschweifiges Wissen nicht erwarten kann,
00:27:20hake ich hier kurz ein, um Sie ins Bild zu setzen.
00:27:24Das Jahr 1483 war kein Gutes für die englische Krone.
00:27:30Edward IV., der England in den Jahren seiner Regentschaft zu neuer Blüte verholfen hatte,
00:27:36starb nach kurzer Krankheit.
00:27:38Er hinterließ die Witwe Elisabeth Woodville und seine beiden Söhne, Edward und Richard.
00:27:44Der Ältere von beiden.
00:27:46Edward hätte, trotz seines jungen Alters von zwölf Jahren, als Edward V. den Thron besteigen sollen.
00:27:52Dafür Sorge tragen wollte Richard, Duke von Gloucester.
00:27:57Aber stattdessen ließ er die beiden Jungen im Tower von London einsperren und ihr direktes Umfeld,
00:28:04darunter auch William Hastings, seines Bruders engsten Vertrauten, hinrichten.
00:28:09Das Parlament erklärte darauf Richard, Duke von Gloucester, zum rechtmäßigen Königsnachfolger
00:28:15und dieser wurde am 6. Juli desselben Jahres gekrönt.
00:28:19Richard III., König von England.
00:28:22Von dessen Neffen aber fehlte seitdem jede Spur.
00:28:26Es war schon zu jener Zeit ein offenes Geheimnis, dass man annahm,
00:28:32Richard habe seine Neffen ermordet oder ermorden lassen.
00:28:36Dennoch wurde ihm, trotz manch lauter Stimmen, nie der Prozess gemacht.
00:28:41Einige der Lords aber fielen von ihm ab und schlugen sich auf die Seite des im französischen Exil lebenden
00:28:48Henry Tudor, dem letzten Thronprätendenten des Hauses, Lancaster.
00:28:54Und von dort aus wurde der Widerstand gegen Richard III. vorbereitet.
00:29:01Nach einer erfolglosen Revolte im Herbst 1483 kam es schließlich knapp zwei Jahre später,
00:29:08im August 1485, zur Entscheidungsschlacht.
00:29:13Henrys Streitmacht besiegte in der Schlacht von Bosworth Field die königlichen Truppen,
00:29:19um als während des laufenden Gefechts sein Stiefvater Thomas Stanley mit seinen Soldaten die Seiten wechselte
00:29:26und für Henry kämpfte.
00:29:28Ja, in der Tat.
00:29:29Richard III. starb bei dem Scharmützel an jenem 22. August 1485.
00:29:37Seine Leiche wurde geschändet und entblößt in einem Wirtshaus zur Schau gestellt.
00:29:43Ja, das ist alles sehr interessant.
00:29:45Aber was hat es nun mit der Sache um die beiden Neffen Richards auf sich?
00:29:49Hier ist ja nun möglicherweise der Schlüssel zum heutigen Mord zu suchen.
00:29:54Bei der Renovierung des Archivs vor fast 20 Jahren oblag mir die Ordnung und Sichtung sämtlicher Papiere,
00:30:02bevor alles in Kisten verpackt und eingelagert wurde.
00:30:06Dabei stieß ich auf einen ungeöffneten Brief, der aus seiner Kladde herausgerutscht war.
00:30:12Ach!
00:30:13Als ich das Siegel vorsichtig löste, erlebte ich die erste Überraschung.
00:30:19Es trug keine der üblichen Insignien in Form einer Rose.
00:30:23Ach!
00:30:24Entweder wollte der Absender unerkannt bleiben oder aber er besaß kein solches.
00:30:30Schon an der Schrift erkannte ich, dass die Zeilen der Hand einer Frau entstammen mussten.
00:30:37Daher galt mein zweiter Blick dem Absender.
00:30:41Ach, interessant.
00:30:41Arlene Norris.
00:30:44Arlene Norris.
00:30:44Nach und nach erfuhr ich, dass es sich bei Arlene Norris um eine Zofe handeln musste.
00:30:50Diese Zofe, die sich mit ihren Zeilen an ihre Schwester wandte, hatte offenbar direkten Kontakt zu den inhaftierten Prinzen.
00:30:59Bis zu deren Tod.
00:31:01Soll das heißen, Sir, dass die Zofe die Wahrheit kannte? Wer tatsächlich für den Tod der Brüder verantwortlich war?
00:31:09Sie nennt in diesem ersten Brief keinen Namen.
00:31:12Ah ja.
00:31:12Lässt sich aber darüber aus, dass die Bevölkerung ahnungslos sei, was den wahren Schuldigen anbetreffe.
00:31:19Das hört sich so an, als sei Shakespeare im Unrecht.
00:31:22Ihre Annahme trügt sie nicht, Mr. Holmes.
00:31:25Wenn ich auch anmerken muss, dass selbst wenn es sich damals so zugetragen hat,
00:31:31man König Richard unterstellen darf, dass er wusste, was sich im Tower, dem damaligen Königssitz, abgespielt haben muss.
00:31:38Von der Schuld der Mitwisserschaft kann man ihn somit sicher nicht freisprechen.
00:31:45Aber dennoch wäre es eine kleine Sensation, wenn Sie recht behielten.
00:31:50Äh, nun ja.
00:31:51Ich stimme Ihnen insofern zu, dass es eine kleine Sensation wäre,
00:31:56denn die Linie der Tudors ist ebenso erloschen wie die ihrer Vorgänger, der Häuser York und Lancaster.
00:32:02Es hätte meines Erachtens nur einen akademischen Wert.
00:32:05Holmes, der Mord an Archibald Caldwell spricht allerdings eine andere Sprache.
00:32:10Ja, ja. Und es war dieser Brief, von dem Sie, Mr. Caldwell, erzählten.
00:32:17Ja, das liegt schon ein paar Wochen zurück.
00:32:20Ich weiß nicht dann mal, wie wir auf gerade dieses Thema zu sprechen kamen.
00:32:25Und Sie haben niemals weiter nachgeforscht, nachdem Sie damals das Schreiben gelesen hatten?
00:32:30Ich war letztlich zu sehr in meiner Arbeit eingebunden und der Brief ging nach dem Einzug in das neue Archiv
00:32:38irgendwie verloren.
00:32:41Wie denn? Verloren?
00:32:44Sie glauben nicht, wie viele Briefe aus jener Zeit erhalten geblieben sind.
00:32:48Wenn Sie im Tower-Archiv etwas unwiederbringlich verstecken wollen, reicht es schon aus, es falsch einzusortieren.
00:32:56Ja, das glaube ich. Nun, wer war es Ihrer Meinung nach?
00:33:03Wer tötete die Kinder aus der Verbindung König Edwards IV. mit Elizabeth Woodville?
00:33:08Das vermag ich nicht zu sagen.
00:33:11Mir fehlt der ergänzende zweite Brief, auf den Arlene Norris hinweist.
00:33:17Möglicherweise hat sie ihn nie geschrieben, aber egal, was darin gestanden hätte, in den Zeilen, die ich gelesen habe, weist
00:33:25sie den Mörder ganz eindeutig als Frau aus.
00:33:38Unter uns sind wir durch den Besuch bei Charles Bulton schlauer geworden?
00:33:42Sowohl in Bezug auf die Sache hinter der Cordwell-Heerjagde, als auch auf den Zaungast, den wir vorhin schon beobachten
00:33:50konnten.
00:33:51Ähm, soll das heißen, der Kerl ist uns gefolgt?
00:33:54Einen Zufall schließe ich jedenfalls aus.
00:33:57Tatsächlich? Da hinten sitzt er auf der Bank und liest Zeitung. Den sollten wir uns endlich mal vorknöpfen.
00:34:03Wie heißt es doch so schön? Aller guten Dinge sind drei. Kommen Sie, wir haben es eilig.
00:34:08Wo wollen wir denn jetzt noch hin, Holmes?
00:34:11Na, essen gehen natürlich. Was dachten Sie denn?
00:34:15Holmes erwischte mich immer wieder auf dem falschen Fuß.
00:34:18Wir nahmen eine Droschke und ließen uns vom Kutscher bei einem guten Restaurant absetzen.
00:34:23Danach machten wir uns endlich auf den Heimweg. Es war reichlich spät geworden. Und sehr neblig.
00:34:31Ach, war das nötig, dass wir uns fünf Straßen zu früh haben absetzen lassen, Holmes?
00:34:36Ach, ich wollte die frische Luft noch ein wenig genießen. Außerdem tut Ihnen Bewegung nach dem opulenten Essen gut. Das
00:34:42sollten Sie doch wohl am besten wissen.
00:34:44Holmes, frische Luft. Der Nebel ist so dick, dass man kaum die Hand vor Augen sieht. Und die Luft so
00:34:50feucht, dass man einen Fisch spazieren führen könnte.
00:34:53Außerdem wollte ich unserem steten Begleiter die Möglichkeit geben, noch ein wenig Präsenz zu zeigen.
00:34:59Der ist immer noch an uns dran.
00:35:00Ah, das werden Sie gleich erleben. Auf mein Zeichen bleiben wir stehen. Jetzt. Hören Sie.
00:35:08Nicht zu fassen. Was will der bloß von uns?
00:35:11Wir sind gleich zu Hause. Sollte er uns bis dahin folgen, werden wir ihn einfach fragen.
00:35:17Ach, was für eine Waschküche. Ein Glück, wir sind ja gleich da.
00:35:22Verdammt, der Kerl schießt auf uns.
00:35:24Oh, Lumpf! Warte, wenn ich dich erwische! Ein Glück, dass der Nebel so dicht ist. Sonst hätte er uns garantiert
00:35:32nicht verfehlt.
00:35:33Ich fürchte, das hat er nicht. Au! Ich habe einen Schlag an der linken Schulter gespürt. Au! Ich glaube, ich
00:35:40blute.
00:35:41Um Gottes Willen. Lassen Sie mich mal sehen.
00:35:43Und?
00:35:44Das ist ja ein glatter Durchschuss. Aber Sie bluten sehr stark. Kommen Sie, kommen Sie, kommen Sie.
00:35:48Ach, Verflixta. Kommt einer da vorn.
00:35:51Sind wir bewaffnet?
00:35:52Ja, nur verbal.
00:35:54Mr. Holmes, Dr. Watson, ist alles in Ordnung?
00:35:58Ah, Mr. Davenport.
00:36:00Man hat auf Sie geschossen.
00:36:01Man wollte mich offenbar mit Nachdruck daran erinnern, die Finger von der Geschichte zu...
00:36:07...anzulassen. Geschichte in doppeltem Sinne.
00:36:10Holmes, wenn Sie nicht morgen früh in der Frühausgabe von Ihrer Ermordung lesen wollen,
00:36:16dann sollten wir zusehen, dass wir endlich von der Straße verschwinden.
00:36:20In Ordnung.
00:36:21Warten Sie. Ich helfe Ihnen.
00:36:23Ja, danke.
00:36:24Ähm, Mr. Davenport, haben Sie auf uns gewartet?
00:36:29Ja, ich bin auch gerade erst eingetroffen. Ich war noch bei Inspektor Lestrade im Yard.
00:36:33So, geht es?
00:36:34Ja, vielen Dank. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten Sie mir einen weiteren Gefallen tun und Inspektor Lestrade ein...
00:36:42...ein Telegramm schicken. Teilen Sie ihm mit, was vorgefallen ist.
00:36:46In Ordnung.
00:36:47Ja.
00:36:47Ich mache mich sofort auf den Weg.
00:36:49Vielen Dank.
00:36:50Kommen Sie, Holmes.
00:36:51Ja. Jetzt können wir nur hoffen, dass Mrs. Hudson von alledem nichts mitbekommen hat, sonst erteilt sie uns noch Stubenarrest.
00:36:58Jetzt kommen Sie aber endlich zur Ruhe.
00:37:00Na, ich werde doch nicht zum Stubenhocker.
00:37:06Au, verflucht!
00:37:07Halten Sie gefällig still, Holmes. Sonst sage ich Lestrade, er soll Sie festhalten oder Ihnen Handschellen anlegen.
00:37:13Nur ein Wort von Ihnen.
00:37:15Ich beginne mich gerade ernsthaft zu fragen, warum mein dritter Gedanke Ihnen galt, Inspektor.
00:37:20Weil es ohne die Polizei wohl doch nicht geht, nehme ich an.
00:37:23Ja, ja, ja, ja. Das wird es gewesen sein.
00:37:27Sag Sie mal, Watson. Wie lange brauchen Sie eigentlich für die paar Stiche?
00:37:31Lösen Sie denn alle Fälle in fünf Minuten, Holmes?
00:37:34Ich muss hier akkurat arbeiten und den Wundkanal reinigen.
00:37:38Sonst bekommen Sie eine Infektion.
00:37:40Ich löse meine Fälle selten in fünf Minuten und ich arbeite selbstverständlich ebenso gründlich.
00:37:46So, Sie hatten wirklich Glück im Unglück.
00:37:50Die Kugel ist oberhalb des Schulterblattes eingetreten, hat den Musculus trapezius durchschlagen und ist knapp über dem Schlüsselbein hier wieder
00:38:00ausgetreten.
00:38:01Ja, ja.
00:38:01Also, Holmes, nur ein bisschen tiefer. Ein bisschen tiefer und die Arterie wäre zerfetzt worden.
00:38:08Ja, ja, ja, ja. Sehr schön. Ne, nicht schön. Nein, gar nicht schön. Ich würde es begrüßen, wenn Sie weniger
00:38:14reden und dafür zum Ende kommen würden.
00:38:17Also, jetzt will der Kerl mir auch noch meinen Beruf erklären. Das ist ja unglaublich.
00:38:21Ich fürchte, die halbe Flasche Whisky war ein bisschen zu viel.
00:38:24Moment mal. Das war nur die halbe Flasche? Durfte ich dann gefälligst um den Rest bitten?
00:38:29Natürlich.
00:38:30Wenn ich mich kurz einhaken dürfte, haben Sie erkennen können, wer es war?
00:38:33Was glauben Sie denn bei diesen Witterungsverhältnissen und der Finsternis?
00:38:37Also nicht.
00:38:38Naja, das ist allerdings nicht von Belang, denn ich glaube zu wissen, wer auf mich geschossen hat.
00:38:43Und ich ebenfalls.
00:38:45Ach, gar nichts, wissen Sie.
00:38:47Also, rum jetzt hören Sie mal auf.
00:38:50Hier ist der Whisky.
00:38:52Ah, das Vernünftigste, was ich bis jetzt gehört habe.
00:38:56Gern geschehen.
00:38:57Ruhig halten zum Kuckuck nochmal.
00:39:05So, rekapitulieren wir doch mal kurz.
00:39:07Also, das auch noch.
00:39:09Ja, Sie, Sir, kommen heute zu uns, um Ihren Freund Archibald Caldwell zur Raison zu bringen.
00:39:17Ihr treffen ihn zu Hause nicht an, nur sein verwüstetes Arbeitszimmer.
00:39:22Im Tower ist er auch nichts, sondern hängt tot davor am Geländer.
00:39:26Lassen Sie das Glas, wo es ist, Lestrade. Finger weg!
00:39:29Meine Güte.
00:39:30Ebenfalls anwesend ein mysteriöser Beobachter, den wir seit diesem Vorfall nicht mehr loswerden sollten.
00:39:36Watson findet, naja, wie erwartet, heraus, dass Caldwell ermordet wurde.
00:39:41Erstochen, um genau zu sein.
00:39:44Wir sprechen daraufhin mit seinem Vorgänger.
00:39:47Bulton bestätigt uns laut Ihrer Aussage, Watson, nur, was wir schon wissen.
00:39:53Richtig.
00:39:53Oh, ich nehme noch einen Schluck.
00:39:56Also, die Flasche weg, Homs. Sie säuseln ja schon.
00:40:00Kurz darauf sehen wir unseren Verfolger zum zweiten und dann zum dritten Mal.
00:40:04Und bei unserer letzten Begegnung wird sogar auf uns geschossen.
00:40:08Aua!
00:40:08Meiner Meinung nach müssen wir alles daran setzen, diesen Unbekannten zu schnappen.
00:40:12Denn er scheint über alles bestens informiert zu sein.
00:40:16Übrigens hatte ich das heute schon vorgeschlagen.
00:40:18Tja, da sind Sie nicht der einzige, Lestrade.
00:40:20Tja, meine klugen Freunde. Und was, wenn ich sage, dass wir anders vorgehen werden?
00:40:26Sie, Homs. Sie schon mal gar nicht. Sie werden sich in den nächsten Tagen etwas Ruhe gönnen müssen.
00:40:32So, fertig.
00:40:34Ach, na endlich.
00:40:38Meiner Meinung nach, Watson, hätte es ein einfacher Verband auch getan.
00:40:43Aber gut so. Ja, ist ja gut so. Ja, so.
00:40:47Und, wenn Sie mich jetzt alle entschuldigen würden, ich hasse zu arbeiten.
00:40:51Ach, also, zu arbeiten? Ganz abgesehen davon, dass Sie angeschossen wurden, Homs, eine nicht unerhebliche Menge Blut verloren haben und
00:41:01jetzt sturzbetrunken sind.
00:41:02Da werfen Sie uns einfach raus. Das ist ja auch...
00:41:05Ja, ja, ja. Wie auch immer Sie es formulieren möchten, mein Freund, ich habe, und das sollten Sie wissen, meine
00:41:11Gründe.
00:41:11Ja, Ihre Gründe. Sicher, sicher Ihre Gründe.
00:41:14Wir hätten Ihnen den Whisky nicht einflößen, sondern Sie mit der Flasche bewusst los schlagen sollen.
00:41:19Na, na, na, na, na, Watson, aber das ist doch gewalttätig.
00:41:22So, und halten Sie sich bitte den morgigen Abend frei.
00:41:26Da werden wir nämlich dem Tower einen Besuch abstatten.
00:41:29Und informieren Sie Mr. Bullton.
00:41:32Ich brauche ihn ebenfalls vor Ort.
00:41:35Und nun, husch, husch, heraus hinaus mit Ihnen.
00:41:38Also, wenn ich nicht wüsste, dass Sie so etwas wie ein, äh, ein Genie sind,
00:41:43dann würde ich Sie in einer Zwangsjacke einweisen lassen.
00:41:53Homs sank nach unserem Rauswurf nicht, wie ich es eigentlich erwartet hatte, völlig entkräftet in seinem Schreibtischsessel zusammen,
00:42:01sondern er arbeitete beinahe manisch bis in die Morgenstunden durch.
00:42:06Es rumorte und klapperte unablässig aus seinem Arbeitszimmer.
00:42:09Als er aber schließlich sogar sein Frühstück zu versäumen drohte, musste ich einschreiten.
00:42:16Dass Sie da drin arbeiten müssen, Homs, entgegen jeder medizinischen und menschlichen Vernunft, ist ja nichts Neues für mich.
00:42:23Dass Sie dabei aber die Tür neuerdings abschließen, das finde ich befremdlich.
00:42:27Also, wenn Sie nicht wollen, dass, äh, dass ich Mrs. Hudson hole, dann sollten Sie jetzt schleunigst öffnen.
00:42:33Ah, das Frühstück steht bereit.
00:42:37Da sagen Sie mal, Watson, nicht wie sonst dem Morgenmantel?
00:42:40Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Homs?
00:42:42Moment mal, es ging darum, neue Erkenntnisse zu gewinnen, nicht wahr?
00:42:45So fängt's schon mal an.
00:42:46Da werde ich mir den Luxus einer Ohnmacht wohl kaum leisten.
00:42:50Ich war jedenfalls die ganze Nacht wach und durfte Ihrem Treiben lauschen.
00:42:54Was haben Sie eigentlich da drin fabriziert?
00:42:56Nur so viel. Es hatte nichts mit Ahnenforschung oder Ähnlichem zu tun.
00:42:59Ihr Dickkopf wird Sie noch mal ins Grab bringen.
00:43:02Und hören Sie auch so zu grinsen, Homs.
00:43:04Ich weiß auch so, dass Ihnen der Erfolg hinterher wieder Recht geben wird.
00:43:09Ja, das scheint geklärt zu sein.
00:43:11Lassen Sie uns frühstücken, ich habe einen Bärenhunger.
00:43:15Sind Sie sicher, dass Sie dazu nicht noch auch einen Whisky wollen?
00:43:19Oh, ist denn noch einer verfügbar?
00:43:21Verfügbar, ja, aber nicht für Sie.
00:43:23Schade.
00:43:24So, darf ich mich noch kurz nach dem Befinden Ihrer Schulter erkundigen, Homs?
00:43:29Meine Schulter? Wie neu. Gratulation, das haben Sie sauber hinbekommen.
00:43:36Na, wenigstens etwas.
00:43:37So.
00:43:38Ah, das sieht ja alles wieder köstlich aus.
00:43:41Ähm, wollen Sie mir mal den Kaffee reichen?
00:43:43Bitte, Herr Homs.
00:43:44Dankeschön.
00:43:46Dankeschön.
00:43:47Ah, mh, dieses Omelette. Höstlich.
00:43:52Sagen Sie, Watson, haben Sie den guten Mr. Bolton schon informiert?
00:43:55Ich habe dem Zeitungsjungen einen Schling für Zeitung und Telegrammaufgabe in die Hand gedrückt.
00:44:01Er wird das für uns erledigen.
00:44:02Sehr gut. Zwei Fliegen mit einer Klappe.
00:44:04Wollen Sie sich heute Nacht wirklich durch das Archiv fühlen, um den fehlenden Brief sicherzustellen, Homs?
00:44:12Wir wissen doch nicht einmal, ob es ihn überhaupt gibt.
00:44:14Naja, aber irgendwo müssen wir ja anfangen, oder?
00:44:16Aber wenn derjenige, der Caldwells Wohnung durchsucht hat, ihn längst gefunden und vernichtet hat?
00:44:21Ja, Gegenfrage. Wenn er ihn hat, warum verfolgt er uns dann?
00:44:24Das ist auch wieder richtig. Aber was ist denn mit den ganzen Dokumenten geschehen, von denen Davenport erzählt hat?
00:44:33Caldwell wird es wohl kaum mit der Vorahnung einer drohenden Durchsuchung in den Tower zurückgebracht haben.
00:44:39Ja, ja, auch diese Möglichkeit kommt in Betracht, Watson.
00:44:42Legen Sie Ihre Zweifel ab und gehen Sie sachlich vor.
00:44:45Denken Sie die Frage, die wir uns bei dieser Sache schon so oft gestellt haben, nur einmal zu Ende.
00:44:51Wer hätte wohl einen Nachteil davon, wenn mit jenem Brief eine bisher unbekannte Wahrheit ans Licht käme?
00:44:59Ich weiß es nicht. Sagen Sie es mir.
00:45:02Beschränken Sie sich nicht auf ein erloschenes Herrschergeschlecht. Greifen Sie nach dem, was in der Nähe liegt.
00:45:07Sie sprechen doch nicht etwa von der Königsfamilie.
00:45:12Von höchster Stelle wird ein Mörder engagiert, um eine Mörderin zu schützen, die schon über 400 Jahre tot ist, damit
00:45:22es um diese Angelegenheit ruhig bleibt und die Geschichtsbücher nicht umgeschrieben werden müssen?
00:45:27Die Obrigkeit ist an dieser Sache beteiligt.
00:45:31Jawohl, aber nicht in dem Maß, von dem Sie ausgehen.
00:45:34Da hört es bei mir auf, Urs. Ich würde vorschlagen, Sie ruhen sich nach dem Frühstück eine Weile aus und
00:45:40danach...
00:45:40Besuchen wir die Bibliothek. Ich muss etwas nachlesen.
00:45:44Es dreht sich wahrscheinlich um das Jahr 1483, nehme ich an.
00:45:48Natürlich. Ich will mir einen Überblick der Ereignisse im Detail verschaffen.
00:45:52Es dürfte zu diesem Thema sicher eine schier unerschöpfliche Auswahl hochrangiger Experten geben.
00:45:58Na, das klingt ja wieder einmal nach einem sehr spannenden Nachmittag.
00:46:03Ja, das mit der Spannung heben wir uns für den Abend auf, nicht wahr?
00:46:06Denn ich gehe davon aus, dass wir heute Abend Besuch bekommen werden.
00:46:10Etwa im Tower? Und von wem?
00:46:13Watson, Sie erwarten doch hoffentlich nicht von mir, dass ich Ihnen die Spannung nehme.
00:46:18Ah, warum frage ich eigentlich immer noch?
00:46:25Es grenzte schon an ein kleines Wunder, dass man uns drei, völlig ungehindert und ohne Eskorte,
00:46:32dafür mit einem Schlüsselbund bewaffnet, durch den Waterloo-Block wandern ließ.
00:46:37Nun waren wir ja auch nicht irgendwer.
00:46:40Allerdings ist der Tower eben nicht nur ein gut frequentiertes Museum.
00:46:44Er ist in erster Linie eine Festung.
00:46:47Mehrere Dutzend Soldaten Ihrer Majestät versehen ihr Tag und Nacht ihren Dienst.
00:46:52Alles wird mit Argus-Augen überwacht und notfalls mit der Waffe verteidigt.
00:46:56Sogar die Raben, die im Tower leben.
00:46:59Aber was es mit denen auf sich hat, davon haben Sie ja sicherlich schon gehört.
00:47:11Nichts hat sich verändert.
00:47:14Der Klang meiner Schritte auf dem Parkett, der Geruch.
00:47:18Es ist, als würde ich nach Hause kommen.
00:47:23Gestatten Sie mir eine persönliche Frage, Mr. Bulton.
00:47:26Sie haben Ihre Arbeit sehr geliebt.
00:47:29Sie war nie eine Bürde für mich, sondern immer Erfüllung.
00:47:35Und Sie gab mir das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein.
00:47:40Warum haben Sie denn nicht noch ein bisschen weitergemacht, wenn ich fragen darf?
00:47:44Glauben Sie mir, das hätte ich sehr gern.
00:47:47Aber meine Augen versagten mir mehr und mehr den Dienst.
00:47:51Irgendwann war es so schlimm, dass ich nur noch unter Zuhilfenahme einer großen Lupe arbeiten konnte.
00:47:57Aber selbst dann verschwammen die Konturen der filigranen Buchstaben nach kurzer Zeit.
00:48:04Ich musste mir letztlich eingestehen, dass der Zeitpunkt gekommen war, meinen Abschied zu nehmen.
00:48:11Tragisch.
00:48:14Schließlich wollte ich nicht den gleichen Fehler begehen, der so manchem Potentaten zum Verhängnis wurde.
00:48:21Zu spät abzudämmten.
00:48:24Weise ist der zu nennen, der die Erkenntnis nicht nur in sich trägt, sondern danach handelt.
00:48:31Sie zitieren einen Philosophen vor mir, Holmes?
00:48:34Nein, nein, nein, das stammt von mir.
00:48:36Kam mir gerade in den Summen.
00:48:38Vielleicht sollte ich mich auf diesem Gebiet auch mal versuchen.
00:48:40Ja, also, davor, bewahre uns, Gott.
00:48:43So, wir sind da.
00:48:47Der Eingang zum königlichen Archiv.
00:48:53Wie ich schon sagte, ich bin zu Hause.
00:48:59Aber es ist schlimm zu wissen, welches der Anlass meine Rückkehr ist.
00:49:03Ah, was für ein Saal.
00:49:06Ja.
00:49:07Was für ein Saal.
00:49:08Sehen Sie sich doch mal die Regalwände an.
00:49:11Das sind ja tausende, was sage ich, tausende, aber tausende Bücher.
00:49:15Vom Boden bis zur Decke.
00:49:17Ist ja unglaublich.
00:49:19Ja, höchst beeindruckend.
00:49:22Sie haben ja noch gar nichts gesehen.
00:49:25Über das Antiquariat, wie ich es nenne, haben wir Zugang zu sämtlichen anderen Räumlichkeiten, die zum Archiv gehören.
00:49:33Also, diese Pracht, diese Pracht.
00:49:37Für mich neben dem Kronenschatz, dem Herz des Empires, das Allerheiligste.
00:49:45Seine unsterbliche Seele.
00:49:47Wahr gesprochen.
00:49:48Ja, in der Tat.
00:49:50Indes, wir wollen nicht vergessen, weshalb wir hier sind.
00:49:53Natürlich.
00:49:53Kommen Sie, hier geht es zum Schriftmaterial und den Karten.
00:49:57Es war erstaunlich, wie weitläufig, wie verzweigt das Archiv war.
00:50:03Das Licht unserer Laternen brach sich an den ungezählten Kanten und Ecken und wurde von dem dunklen Holz geradezu aufgesogen,
00:50:11sodass die Grenzen dieses Raumes in schattigem Zwielicht versanken.
00:50:16Ohne die schlafwandlerische Sicherheit eines Schads Bulden, wären wir sicherlich in die Irre gelaufen.
00:50:23So aber passierten wir auch diesen Raum und standen schließlich vor einer schmalen Treppenflucht, die uns hinabführte.
00:50:33Ein schmaler, gemauerter Gang endete bald vor einer verschlossenen Tür.
00:50:38Hinter dieser Tür lagert alles, was von den Häusern Lancaster und York,
00:50:43sowie den späteren Tudors die Zeit überdauert hat.
00:50:48Lassen Sie sich von der eigenwilligen Architektur dieses Gebäudes nicht verwirren.
00:50:52Tja, eine holzgetäfelte Wendetreppe.
00:50:57Wo ist es? Folgen Sie mir.
00:51:00Was es über die Geburt und das Fortbestehen jener Herrscherfamilien zu erfahren gibt,
00:51:05jedwede Verzweigung und Aussöhnung des Königsblutes in andere Familien,
00:51:11deren ererbte Thronansprüche bis hin zum Versiegen dieser Wurzeln,
00:51:15finden Sie hier oben den Beginn der Rosenkriege, die Aufstellungen der Soldaten vor den Schlachten
00:51:23und das Ende jener Ära. Es ruht in diesen Schränken.
00:51:28Und möglicherweise auch die Antwort auf das Rätsel der verschwundenen Prinzen.
00:51:34Ja, sofern die Unterlagen hier sind, werden wir sie auch finden.
00:51:38Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Sektionen, die in Frage kommen.
00:51:44Alles von hier bis dort, einschließlich dieser Seite.
00:51:51Sowas hatte ich befürchtet. Das wird ja eine Sisyphus-Arbeit.
00:51:56Ja, doch. Gut. Arbeiten wir uns von den Seiten zur Mitte.
00:52:00Wutzen und ich hier und Sie von dort.
00:52:03Einverstanden. Und nicht vergessen, wir suchen nach zwei unscheinbaren Briefen,
00:52:09die mit Aline Norris unterschrieben sind.
00:52:11Ja.
00:52:12Beachten Sie daher keine anderen Dokumente oder Karten,
00:52:15was nicht bedeuten soll, dass Sie damit nicht vorsichtig umgehen sollen.
00:52:20Keine Sorge, wir machen nichts kaputt.
00:52:22Dann viel Erfolg.
00:52:30Ach, schon zwei Uhr, Homs.
00:52:33Und mir verschwimmt so langsam alles vor den Augen.
00:52:36Wie steht's denn bei Ihnen?
00:52:38Ein nie versiegendes Füllhorn an Papier, will ich meinen.
00:52:43Aber ich bin zufrieden.
00:52:45Ach, Sie sind zufrieden?
00:52:46Ja. Wie geht es bei Ihnen voran, Mr. Bolton?
00:52:49Ich spüre, dass es nicht mehr lange dauern kann.
00:52:52Also, apropos dauern, äh, sagten Sie nicht, wir würden Besuch bekommen?
00:52:56Wie Mr. Bolton gerade sagte, es kann nicht mehr lange dauern.
00:53:00Ich glaube, Sie haben recht.
00:53:02Allerdings ist die Art und Weise seines Erscheinens eine andere als die, mit der ich gerechnet habe.
00:53:07Oh Gott. Oh Gott. Feuer.
00:53:09Ja.
00:53:09Feuer. Feuer.
00:53:10Feuer.
00:53:11Wie denn? Ihr Besuch hat unten Feuer gelegt.
00:53:14Und die Tür hinter sich zugeschlagen.
00:53:16Schnell, wir müssen runter.
00:53:17Ja.
00:53:18Hier oben sitzen wir in der Falle.
00:53:19Ja, und? Und der Rauch kümmert Sie wohl gar nicht.
00:53:22Sie wären halb erstickt, wenn Sie da unten ankämen.
00:53:24Nur um festzustellen, dass Ihnen die Flammen den Weg versperren.
00:53:27Äh, es wäre sinnlos.
00:53:30Selbst wenn es gelingt, die Tür zum Verbindungsgang lässt sich nur von außen öffnen.
00:53:36Sie hat innen noch nicht mal eine Klingel.
00:53:39Großartig. Und was machen wir jetzt?
00:53:41Uns hier rösten lassen?
00:53:42Ich gebe zu, dass ich einige Szenarien unseres Zusammentreffens durchgespielt habe.
00:53:47Ja, aber diese haben Sie oft nicht vergessen.
00:53:50Äh, keines...
00:53:53Keineswegs. Ich hielt es nur für abwegig.
00:53:56Bravo.
00:53:56Bravo.
00:54:04Die ganze Abteilung...
00:54:07Das ganze Archiv...
00:54:09Alles wird ein Raub der Flammen werden, unwiederbringlich verloren.
00:54:16Wie einst die Bibliothek von Alexandria.
00:54:19Ehrlich gesagt, mache ich mir gerade mehr Gedanken über unser Schicksal.
00:54:23Also, gibt es denn hier keinen zweiten Einland?
00:54:26Nein, der einzige Zugang liegt unerreichbar unter uns.
00:54:33Und wohin führt diese Tür hier?
00:54:37Dort werden Chemikalien zum Konservieren und Restaurieren aufbewahrt.
00:54:43Hört sich alles hochentzündlich an.
00:54:46Ich fürchte, das ist es.
00:54:48Ja.
00:54:49Das auch noch.
00:54:50Also, wieder zu die Tür.
00:54:51Der Rauch wird immer dichter.
00:54:53Mein Gott.
00:54:54Und es wird zunehmend heißer.
00:54:56Wenn die Flammen den oberen Treppenabsatz erreichen, war es das, meine Herren.
00:54:59Was ist denn mit den Fenstern?
00:55:01Die sind vergittert.
00:55:03Außerdem würde ein Sprung aus dieser Höhe nicht ohne ernsthafte Verletzungen enden.
00:55:10Obst, was können wir denn noch tun?
00:55:12Wir müssen versuchen, das Feuer zu ersticken.
00:55:15So viel Zeug in den engen Schacht werfen, bis dieser derart verstopft,
00:55:19dass dem Feuer die Luftzufuhr nach oben abgedreht wird.
00:55:21Und was wollen Sie dafür nehmen?
00:55:23Die Schränke, selbstverständlich.
00:55:24Mr. Bulton, Mr. Bulton, welcher ist Ihrer Meinung nach entbehrlich?
00:55:30Sie verlangen ernsthaft von mir, dass ich aus diesen Schätzen auswählen soll,
00:55:37was geopfert werden kann?
00:55:39Die Zeit reicht leider nicht, die Schränke auch noch leer zu räumen.
00:55:43Und wenn Sie sich nicht ein wenig beeilen, dann macht es eh keinen Unterschied mehr,
00:55:48weil dann alles in Rauch aufgehen wird.
00:55:50Ich glaube, jetzt ist es an der Zeit, mit dem Beten anzufangen, Homs.
00:55:56Oder Sie helfen mir, den Brand zu löschen.
00:55:58Ach, Homs, das ist doch derselbe der...
00:56:02Wo kommt denn der auf einmal her?
00:56:04Ich hab keine Ahnung, aber er hat sich ganz schön Zeit gelassen.
00:56:08Was soll denn das heißen?
00:56:09Das ist unser Besuch.
00:56:12Der...
00:56:13Ich bin am Treppenabsatz gestolpert und habe meine Lampe fallen lassen.
00:56:18Damit sich das Feuer nicht so schnell ausbreiten kann, habe ich dann sofort die Tür geschlossen.
00:56:22Aber woher?
00:56:23Und wie kommen Sie hier herein, Sir?
00:56:25Später.
00:56:27Vor zwei Jahren wurden in alle Räume des Archivs Wasserleitungen gelegt.
00:56:31Sie beide gehen an die Pumpe und ich nehme den Schlauch.
00:56:34Und Sie, Sir, öffnen bitte die Fenster.
00:56:36Nicht zu fassen.
00:56:37Ja, nun jetzt pumpen Sie doch mal ein bisschen kräftiger.
00:56:39Gut, aber Sie sprechen dann mit meinem Chirurgen.
00:56:42Wenn der nämlich erfährt, dass ich trotz meiner Verletzung hier Leibesübungen vollführt habe, bekomme ich wieder den Ärger.
00:56:48Ja, doch.
00:56:58Tja, das Feuer war dann schnell gelöscht und hatte, wie sich schnell herausstellen sollte, glücklicherweise nur den ganz unteren Treppenabsatz
00:57:07und die Wendeltreppe in Mitleidenschaft gezogen.
00:57:10Es muss ein merkwürdiger Anblick gewesen sein, wie wir hinterher mit rußgeschwärzten, verschwitzten Gesichtern dort oben zusammenstanden und Proms jenem
00:57:21Mann anerkennend die Hand schüttelte, der meines Wissens gestern noch auf ihn angelegt hatte.
00:57:27Dieser geleitete uns dann durch den schmalen Geheimgang, der hinter einer großen Kassette der Wandteflung versteckt lag hinaus auf den
00:57:36Hauptflur und von dort in das Arbeitszimmer des verstorbenen Archibald Caldwell.
00:57:43All die Jahre bin ich hier ein- und ausgegangen, kannte jedes knarrende Paar Kettholz und hätte mich mit verbundenen
00:57:52Augen zurechtfinden können.
00:57:55Dass es aber zum Archiv einen Geheimgang gibt, davon wusste ich nichts.
00:58:01Es ist nicht der einzige dieser Art. Allein hier im Waterloo-Block gibt es 14 verdeckte Durchgänge, die ein ungesehenes
00:58:07Kommen und Gehen ermöglichen.
00:58:08Und mit dieser Aussage dürfte endgültig klar sein, in wessen Diensten Sie stehen.
00:58:15Denn so gut wie Sie kennen sich gewiss nur wenige aus, oder, Mr...
00:58:19Sinclair.
00:58:20Mr. Sinclair, Sie arbeiten für Ihre Majestät. Richtig?
00:58:23Zu leugnen hat wohl wenig Zweck.
00:58:25Dann lagen Sie richtig mit Ihrer Theorie, Holmes. Das Königshaus schickt jemanden los, um andere zum Schweigen zu bringen.
00:58:33Also, das ist ja wie im Mittelalter.
00:58:35Ja, ja, das war Ihre Theorie. Aber zum Schweigen ist richtig, Watson. Der Rest Unsinn.
00:58:40Denken Sie doch mal über die Konsequenzen nach, wenn das rauskäme.
00:58:44Tja.
00:58:45Und die Wahrheit kommt ja bekanntlich immer irgendwann ans Licht.
00:58:48Wenn er kein Auftragsmörder ist, was macht er dann?
00:58:52Das will ich Ihnen erklären. Mr. Sinclair sorgt dafür, dass für das Königshaus brisante, diskreditierende oder bruskierende Informationen gewahrt bleiben.
00:59:01Ah, ja.
00:59:01Ja, und nicht an die Öffentlichkeit dringen. Richtig?
00:59:05Das ist meine Aufgabe.
00:59:07Diese Aufgabe lässt ihm zweifelsohne einen großen Handlungsspielraum. Aber Mord und andere Straftaten, die im Konflikt mit dem Gesetz stehen,
00:59:16gehören hoffentlich nicht dazu.
00:59:20Ich gehöre zur persönlichen Leibgarde Ihrer Majestät und wurde mit einer Sache betraut, die uns großes Kopfzerbrechen bereitet.
00:59:26Nämlich?
00:59:27In der jüngsten Vergangenheit wurden von einer von uns unbekannten Person Dokumente und anderes historisches Material Auktionshäusern angeboten.
00:59:35Dabei handelte es sich nach der Beschreibung eindeutig um Eigentum des königlichen Archivs.
00:59:40Archibald soll Dokumente veruntreut haben, um sie dann zu verkaufen? Das ist unvorstellbar.
00:59:48Der Verdacht lag natürlich nahe, denn Mr. Caldwell hatte uneingeschränkten Zugang zu allen Archivräumen.
00:59:54Aber?
00:59:54Die entsprechenden Dokumente haben das Archiv offenbar nie verlassen. Das habe ich überprüft.
00:59:59Trotzdem ließ ich Mr. Caldwell unter die Lupe nehmen.
01:00:02Tja.
01:00:02Aber weder hier noch bei ihm zu Hause fand sich etwas, das den Verdacht erhärtet hätte.
01:00:07So weit zu Gesetzeskonform.
01:00:11Ähm.
01:00:11Sehr vorsichtig ist man aber bei der Suche nicht zu Werke gegangen.
01:00:15Wie meinen Sie das?
01:00:16Dr. Watson spricht die gestrige Verwüstung an, die wir in Caldwells heimischem Arbeitszimmer vorfanden.
01:00:22Damit habe ich nichts zu tun.
01:00:24Wer denn dann? Und warum verfolgen Sie uns seit gestern ständig?
01:00:28Ich weiß nicht, wer Caldwells Sachen durchwühlt hat. Und zu Ihrer anderen Frage.
01:00:33Als ich sah, dass Mr. Caldwell tot war, versiegte meine primäre Verdachtsquelle.
01:00:38Aber nur bis zu dem Zeitpunkt, als ich in Erfahrung brachte, was Sie herausgefunden hatten, Dr. Watson.
01:00:43Wenn Caldwell ermordet wurde, dann von jemandem, dem er in die Quere gekommen war.
01:00:48Daher war es nur logisch, mich an Sie dran zu hängen.
01:00:51Warum haben Sie dann auf Rums geschossen?
01:00:53Mr. Sinclair hat nicht auf mich geschossen, Watson. Er hat uns verfolgt. Ja.
01:00:58Und ist nach dem Schuss weggelaufen. Richtig?
01:01:02Das ist korrekt. Ich muss unter allen Umständen verhindern, mit einer Straftat in Verbindung gebracht zu werden.
01:01:07Dafür haben Sie aber nicht gerade ein Händchen, Meister.
01:01:10Aber Rums, wer hat denn dann auf Sie abgedrückt? Wer war denn noch zugegen?
01:01:15Caldwells Mörder natürlich.
01:01:18Ach, verstehen Sie denn nicht.
01:01:20Die mutmaßlichen Enthüllungen, die Caldwell im Begriff war, publik zu machen.
01:01:24Und wir reden immer noch von den beiden Prinzen.
01:01:27Sie waren jemandem ein Dorn im Auge, Watson.
01:01:31Aber nicht aus familiären Gründen. Danach kriegt kein Hahn mehr.
01:01:34Auch dem Königshaus wäre eine solche Veröffentlichung sicherlich gleichgültig.
01:01:37Kein Kommentar.
01:01:38Der Grund ist eher ernüchternd. Trivial.
01:01:42Dann lassen Sie mal hören, Rums.
01:01:43Erst gilt es, das Verschwinden der Prinzen zu lösen.
01:01:47Also, wenn Sie glauben, ich setze auch nur noch einmal einen Fuß zurück in diese Räucherhöhle.
01:01:52Äh, Mr. Sinclair, soweit ich es beurteilen kann, wird es keinerlei Indiskretion mehr geben, um die man sich seitens Ihres,
01:01:59wie soll ich sagen, Arbeitgebers sorgt.
01:02:03Kann ich mich darauf verlassen?
01:02:04Das können Sie. Mein Wort darauf.
01:02:06Und, äh, verlassen ist nun noch unser Stichwort. Wir gehen.
01:02:12Warum werde ich den Eindruck nicht los, dass Sie mir etwas verschweigen, Mr. Holmes?
01:02:15Weil das in der Natur Ihres Berufes liegt. Überdies ermittle ich in erster Linie in einem Mordfall und muss Ihnen
01:02:22über meine Erkenntnisse keine Rechenschaft ablegen.
01:02:25Und wenn ich Nein sage?
01:02:26Erfährt die nächste Journalie von dem, was hier läuft.
01:02:30Ich wünsche Ihnen einen guten Heimweg.
01:02:36Bis in die Morgenstunden war ich damit beschäftigt, den scharfen Brandgeruch von meinem Körper zu schrubben.
01:02:43Und als ich mit dem Ergebnis endlich einigermaßen zufrieden war, eröffnete mir Holmes, dass wir unser Frühstück leider auf den
01:02:51Mittag verschieben müssten,
01:02:53da er Professor Davenport, Inspektor Lestrade und Mr. Bulten für 10 Uhr einbestellt hatte.
01:02:59Deshalb saßen wir frühzeitig zusammen und waren gespannt, was Holmes uns zu sagen hatte.
01:03:05Zuerst jedoch berichtete er Lestrade und Davenport von den nächtlichen Ereignissen, die uns widerfahren waren.
01:03:11Und ich dachte, Sie wollten mir heute den Mörder präsentieren.
01:03:14Der Mörder ist noch nicht anwesend, Lestrade. Wird aber bald erscheinen.
01:03:18Der kommt hierher?
01:03:19Aber sicher, denn ich habe hier etwas, was er unbedingt in seinen Besitz zu bringen beabsichtigt.
01:03:26Was sind das für Umschläge?
01:03:28Das sind die Briefe, Mr. Bulten. In diesen beiden Briefen steht die Wahrheit über den Tod der Prinzen.
01:03:36Sagenhaft. Wo haben Sie die her?
01:03:38Die habe ich heute Nacht aus dem Archiv entliehen. Ich habe sie nur überflogen, aber ein Irrtum ist ausgeschlossen.
01:03:44Holmes, wollen Sie etwa damit andeuten, dass Sie die Briefe schon längst hatten, während Mr. Bulten und ich danach suchten?
01:03:51Also, dank Ihres Besuches wären wir beinahe im Feuer umgekommen. Also, das ist nicht mehr zu überbieten, Holmes.
01:03:58Doch, warten Sie es ab.
01:04:00Ähm, geben Sie mir bitte mal das silberne Tablett dort.
01:04:03Lass sein.
01:04:04Danke.
01:04:06Was haben Sie vor?
01:04:07Ich lege die Briefe darauf und befeuchte sie mit dieser speziellen Flüssigkeit.
01:04:14Das riecht nach Alkohol.
01:04:16Und nun passen Sie gut auf, Lestrand.
01:04:19Sind Sie denn übergeschlappt, Holmes? Sie vernichten die vielleicht wichtigsten Dokumente des Archivs.
01:04:26Das lasse ich nicht zu.
01:04:27Das lasse ich nicht zu.
01:04:32Zu spät. Völlig verkohlt.
01:04:35Haben Sie wenigstens vorher gelesen, wer die Jungen umgebracht hat?
01:04:38Ach, ich wusste doch, ich hab was vergessen.
01:04:41Holmes, jetzt ist das eingetreten, was ich immer befürchtet habe.
01:04:45Obwohl es interessant wäre, herauszufinden, was Sie damit meinen.
01:04:49Lestrand, haben Sie, wie ich es eben sagte, gut aufgepasst?
01:04:53Was meinen Sie?
01:04:54Was ich damit meine? Der Mörder hat soeben das Zimmer betreten.
01:04:59Was? Wie bitte?
01:05:00Wo?
01:05:01Er sitzt Ihnen jetzt gegenüber.
01:05:04Wie habe ich das zu verstehen? Dort sitzt nur Professor Davenport.
01:05:07Richtig, Professor Davenport. Professor für englische Geschichte.
01:05:11Der mir aus dem Stilgreif einen ganzen Tag lang von den Rosenkriegen erzählen konnte, wie er selbst so schön sagte.
01:05:18Ja, ja, das könnte er wirklich.
01:05:20Denn er hat unlängst ein Buch über das Thema verfasst.
01:05:23Ich hielt es gestern in Händen, als ich in der Bibliothek war.
01:05:27Dem Thema um das Verschwinden der Prinzen räumen Sie in Ihrem Werk sehr viel Platz ein.
01:05:32Auch Sie haben, wie Ihre Kollegen, ein halbes Dutzend sehr schlüssig klingender, aber unbewiesener Theorien.
01:05:39Wer letztlich die Morde begangen hat.
01:05:43Nicht wahr?
01:05:43Das stimmt. Aber Sie irren, wenn Sie glauben, ich hätte meinen Freund umgebracht.
01:05:48Ich bitte Sie, warum um Himmels Willen hätte ich das tun sollen?
01:05:52Aus einem ganz banalen Grund.
01:05:54Ihr Freund, ein Laie ohne akademische Ausbildung, hätte Sie die Kapazität auf dem Gebiet der Rosenkriege brüskiert.
01:06:03Denn Archibald Caldwell wusste, wer die Prinzen umgebracht hat.
01:06:07Ja, aber woher, Holmes?
01:06:09Von Charles Bulton. Der gute Bulton hat uns nämlich angelogen.
01:06:14Ach.
01:06:15Jawohl. Er hat die Briefe bei sich zu Hause.
01:06:19Richtig?
01:06:21Das, das ist richtig.
01:06:24Und darüber hinaus noch ein paar andere Dinge, die ihm eigentlich nicht gehören.
01:06:27Die Magie scheinbar leblosen Papiers.
01:06:31Das, nicht wahr?
01:06:33Bei unserem Besuch vorgestern hatten Sie es sehr eilig aufzuräumen.
01:06:37Die Mühe hätten Sie sich sparen können, denn ich sah auf den ersten Blick, dass hier kostbare Originaldokumente ausgebreitet lagen.
01:06:45Das ist ja ungeheuerlich.
01:06:48Vermutlich ist Caldwell bei einem seiner Besuche bei Ihnen über die Briefe von Arlene Norris gestolpert.
01:06:53Richtig?
01:06:55Ja, ich war kurz nebenan und hatte sie auf meinem Schreibtisch liegen lassen.
01:07:03Das ist ja fantastisch.
01:07:06Warum Sie die hier, Charles?
01:07:07Wenn ich Ihnen das sage, werden Sie wahrscheinlich kein Wort mehr mit mir sprechen.
01:07:12Sie haben sie aus dem Archiv.
01:07:15Aber warum enthalten Sie der Wissenschaft der Welt diesen Fund vor?
01:07:19An meinem letzten Tag als Archivar wurde ich schwach.
01:07:24Ich nahm die unbeschrifteten Briefe, die ich diesen Tag noch nicht gelesen und zugeordnet hatte, an mich.
01:07:31Dass es die wichtigsten einer Epoche sein könnten, ahnte ich nicht.
01:07:36Das muss veröffentlicht werden.
01:07:38Wie sollte ich das tun?
01:07:39Man würde mich fragen, wie ich in den Besitz dieser Briefe gelangt sei.
01:07:44Vier Jahre nach meinem Abschied.
01:07:46Dann werde ich das übernehmen.
01:07:49Und das hatte er auch vor.
01:07:52Er schrieb zu Hause an seinem Manuskript, dass eine Sensation werden würde.
01:07:58Und nahm dafür auch anderes Material mit zu sich.
01:08:01Sie, Davenport, erfuhren von Ihrem Freund natürlich, woran er arbeitete.
01:08:06Und konnten es nicht fassen, dass ein unstudierter Niemand alles, auch Ihr hochgelobtes Werk in den Schatten stellen würde.
01:08:16Deshalb versuchten sie ihn mit allen Mitteln daran zu hindern.
01:08:19Sie boten einige der Dokumente, die er für seine Recherchen mit nach Hause genommen hatte, anonym zum Kauf an.
01:08:26Warum?
01:08:27Um ihn ans Messer zu liefern.
01:08:30Die Briefe ließen sie natürlich unerwähnt.
01:08:32Also, Davenport war der Anbieter?
01:08:35Natürlich. Und irgendwann bekam Caldwell mit, dass man ihn wegen dieser Sache unter Beobachtung gestellt hatte.
01:08:41Ja, er brachte alles zurück und stellte Davenport zur Rede am Tag seiner Ermordung.
01:08:48Das ist doch alles nicht wahr. Archibald war mein bester Freund.
01:08:52Sie benutzten dieses War auch bei Ihrem ersten Besuch bei mir. Erinnern Sie sich?
01:08:59Als Sie von seinem Steckenpferd sprachen.
01:09:02Ihnen ist es vermutlich gar nicht aufgefallen, mir aber schon.
01:09:05Ich fragte mich, warum Sie von Ihrem Freund in der Vergangenheitsform sprechen.
01:09:10Und dass ich mit all meinen Vermutungen richtig liege, das haben die beiden eben selbst bestätigt.
01:09:16Äh, wie denn?
01:09:17Das will ich Ihnen sagen.
01:09:35Von Bulton wusste ja, dass in den Umschlägen unmöglich die Briefe stecken konnten.
01:09:44Um nicht selbstverdächtig zu werden, erfand er für uns übrigens die Lüge, dass ihm nur ein Brief bekannt sei und
01:09:53er diesen im Archiv verloren habe.
01:09:57Übrigens, wie war es Ihnen gestern eigentlich möglich, all die Stunden die Papiere durchzusehen, ohne eine Lupe zu benutzen?
01:10:04Tja, mir ist es aufgefallen.
01:10:09Also, das heißt, ich war also anscheinend der Einzige, der wirklich gesucht hat.
01:10:17Na, das hat ein Nachspiel, Gentleman.
01:10:20Was Davenport anbelangt, ihm hätte ich damit mehr als einen Gefallen getan.
01:10:25Außerdem kannten ja beide den Inhalt.
01:10:28Und bevor ich zu der überaus schmerzhaften Kugel komme, hätte ich gerne gewusst, was sich am Tag des Mordes wirklich
01:10:36abgespielt hat.
01:10:38Also gut. Die Wahrheit.
01:10:42Archibald verlangte ein Gespräch.
01:10:44Ich sagte ihm, dass ich um sechs am Tradesgate auf ihn warten würde.
01:10:51Wie kommst du dazu, mich solch einem Verdacht auszusetzen?
01:10:55Eine der Wachen hat mir trotz auferlegter Schweigepflicht einen Hinweis gegeben.
01:11:00Und ich bin fast aus allen Wolken gefallen.
01:11:03Wie kannst du so hinterhältig sein?
01:11:06Und wie kannst du dich der Wahrheitsfindung gerade bei diesem Thema verschließen?
01:11:11Bei der Frage, die uns immer beschäftigt hat.
01:11:13Was weißt du denn schon von den Rosenkriegen?
01:11:15Eine ganze Menge.
01:11:17Nichts weißt du.
01:11:18Das bisschen, was du dir selbst angeeignet hast, passt auf ein Blatt Papier.
01:11:22Aber du machst dir an, einen solchen Fund zu veröffentlichen.
01:11:25Nicht solange ich das verhindern kann.
01:11:28Also so ist das.
01:11:30Solange mein kleines Licht für dich keine Bedrohung war, war ich ein willkommener Gast.
01:11:36Der dir zuhören durfte, wenn es um die Geschichte unseres Landes ging.
01:11:41Der dir Zutritt zum Archiv verschaffen durfte.
01:11:43Ich kann nichts dafür, dass du mit deinen Theorien falsch lagst, Lester.
01:11:48Dass dein Buch vielleicht bald schon obsolet sein wird, wie so viele andere.
01:11:53Ich werde mein Manuskript publizieren.
01:11:56Du wirst es schon sehen.
01:11:58Oder besser gesagt, du wirst es schon lesen.
01:12:01Niemals!
01:12:02Das wirst du nicht.
01:12:07Womit haben sie ihn erstochen?
01:12:09Mit meinem Brieföffner.
01:12:10Der Rest ist schnell rekapituliert.
01:12:13Ja, ja, sie waren gut vorbereitet, muss ich sagen.
01:12:16Brieföffner und Streck.
01:12:18Mit letzterem hängten sie ihren Freund im dicksten Nebel am Traitor's Gate auf.
01:12:24Damit die Geschichte um den Geheimnisvollen, der um jeden Preis verhindern möchte, dass die Wahrheit ans Licht kommt, auch effektvoll
01:12:30unterstrichen wird, haben sie ihn am Verrätertor aufgeknöpft.
01:12:35Scheußlich.
01:12:36Mit dem Schlüssel drangen sie bei ihrem Freund ein, vernichteten sein Manuskript und dachten, damit hätten sie die Gefahr gebannt.
01:12:44Die Papiere waren schließlich wieder weg.
01:12:46Dann richteten sie das etwas zu dick aufgetragene Durcheinander an.
01:12:51Im Anschluss kamen sie zu mir mit ihrer angeblichen Sorge um Archibald Caldwell.
01:12:57Eine tolle Idee.
01:12:58Als das Ganze dann aber eine Eigendynamik entwickelte, die sie so nicht vorausgesehen hatten, bekamen sie kalte Füße,
01:13:04konnten jedoch nicht mehr zurück und beschlossen, mich an der Wahrheitsfindung zu hindern.
01:13:11Mit einer Kugel!
01:13:12Tja, aber wie sollte das angehen? Die Kugel kam doch von hinten.
01:13:16Darf ich das korrigieren, Watson? Sie traf mich von hinten.
01:13:20Ah ja, ah ja.
01:13:20Kam aber von vorn.
01:13:22Ich hatte mich kurz zu unserem Verfolger umgewandt, als Devenport auf uns abfeuerte.
01:13:26Da er nur unsere Stimmen hörte, uns aber nicht sehen konnte, schoss er gleich dreimal.
01:13:32Als er dann angelaufen kam, um mich zu stützen, fasste ich seine Kleidung an. Sie war nass.
01:13:38Er aber gab an, gerade eingetroffen zu sein.
01:13:42Bei diesem dichten Nebel geht aber sicherlich niemand vom Yard bis zu uns zu Fuß.
01:13:46Wir waren auch unterwegs.
01:13:48Watson, haben Sie eine Kutsche davonfahren hören?
01:13:50Nein.
01:13:51Ja, ich auch nicht. Also musste er schon längere Zeit auf uns gewartet haben.
01:13:55Einen Beweis, dass er der Schütze ist, habe ich auch. Er hinterließ an dem Whiskyglas, das er mir überreichte, Schmauchspuren.
01:14:04Ich konnte es in derselben Nacht noch chemisch nachweisen. Verbranntes Schwarzpulver.
01:14:10Also musste sich an seiner Hand ebenfalls der feine Pulvernebel niedergeschlagen haben.
01:14:16Sie sind ein Fuchs. Alles, was recht ist. Angeschossen, sturzbetrunken und trotzdem präzise wie ein Uhrwerk.
01:14:22Danke, Lestrade. Danke. Manch einer hätte mich an jenem Abend liebend gerne eingewiesen.
01:14:29Ja.
01:14:29In einer Zwangsjacke.
01:14:31Wie sollte ich das denn ahnen?
01:14:33Na, Watson, wie lange kennen wir uns schon?
01:14:35Ach, ewig, ewig, ewig.
01:14:36Na ja, na ja. Umso schlimmer.
01:14:38Äh, damit ich das richtig verstehe. Sie haben gerade zwei leere Umschläge verbrannt, oder?
01:14:43Die Briefe befinden sich immer noch in Mr. Bultons Besitz.
01:14:48Ja, Archibald erzählte mir, dass er befürchte, unter Beobachtung zu stehen.
01:14:54Deshalb brachte er sie mir wieder zurück. Er wusste, was sie mir bedeuten.
01:14:59Mr. Davenport, hatte Mr. Caldwell Ihnen gegenüber nie erwähnt, woher er sein Wissen hatte?
01:15:04Ich nahm an, er wäre im Archiv darauf gestoßen, dass ich für meine Recherchen damals regelrecht umgegraben habe.
01:15:11Tja, aber so wie es aussieht, hatte er auch dabei Hilfe.
01:15:14Und wer hat Richard und Edward nun wirklich getötet?
01:15:19Wissen Sie das auch, Holmes?
01:15:21Vielleicht sollte Mr. Bulton hierzu Auskunft geben.
01:15:24Es war eine Novizin des Benediktiner-Ordens, die sich einige Wochen nach ihrer schrecklichen Tat der Zofe anvertraute.
01:15:34Sie erzählte Arlene Norris, dass die Mutter der Kinder Elisabeth Woodville sie darum angefleht habe.
01:15:46Die Witwe des Königs flüchtete sich im Juni 1483 nach der Hinrichtung Hastings
01:15:52und ihres Sohnes aus erster Ehe mit Sir John Gray mit ihren Töchtern in die Westminster Abbey.
01:15:59Doch lernte sie die Novizin kennen, deren Name nicht überliefert ist.
01:16:05Mit ihr sprach sie über ihre Ängste, dass sie fürchte, Edward und Richard könnten als unbequeme Thronerben schon bald hingerichtet
01:16:15werden.
01:16:17Sie wollte ihren Kindern einen grausamen Henkers-Tot aber ersparen, um jeden Preis.
01:16:22Deshalb bettelte und weinte sie so lange, bis die Novizin irgendwann nachgab.
01:16:29Heimlich brachte sie den Kindern vergiftete Süßspeisen.
01:16:34Die Leichen der Prinzen wurden auf Richards Geheiß am White Tower in einer Kiste verscharrt,
01:16:41wo sie Arbeiter 1674 bei Grabungen entdeckten.
01:16:47Tja, eine sehr tragische Geschichte.
01:16:50Das Tragischste an der Geschichte ist, dass die Kinder zwei Tage vor dem vom Parlament beschlossenen Erlass,
01:16:57der später als Titulus Regius bekannt wurde, sterben mussten.
01:17:03Dieser Erlass legte fest, dass die Ehe zwischen dem verstorbenen König und Elisabeth Woodville
01:17:10unrechtmäßig sei und seine Söhne somit keinerlei Anspruch auf den Thron hätten.
01:17:20Die Kinder hätten also gar nicht sterben müssen.
01:17:23Und die eigene Mutter...
01:17:25Tja, wie kann man bloß mit solch einer Schuld leben?
01:17:29Elisabeth Woodville verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in einem Kloster.
01:17:35Möglicherweise hat sie dort ihren Frieden gefunden.
01:17:38Die Novizin hat sich kurz nach ihrer Beichte das Leben genommen.
01:17:53Holmes, ich hätte nie gedacht, dass mich die Wahrheit über den Tod der Prinzen so schockieren könnte.
01:17:59Dagegen ist der Mord an Mr. Colville ja geradezu einleuchtend.
01:18:03Ich halte es für ein gutes Zeichen, dass uns der Mord, der über 400 Jahre zurückliegt, auch heute noch anrühren
01:18:12kann.
01:18:12Wird die Öffentlichkeit je erfahren, was sich im Jahre 1483 zugetragen hat?
01:18:18In der Gerichtsverhandlung werden wir als Zeugen aufgerufen werden, ebenso wie Lestrat.
01:18:24Es sei denn...
01:18:26Es sei denn...
01:18:27Ich könnte mir vorstellen, dass ein gewisser Mr. Sinclair eventuell vor der Verhandlung von den Zusammenhängen erfährt
01:18:35und auf oberstes Geheiß Mr. Boulton einen Besuch abstatten wird.
01:18:42Sie meinen, er lässt die Briefe in Flammen aufgehen?
01:18:48Was frage ich da eigentlich?
01:18:50Natürlich wird er das.
01:18:51Aber es sagt uns, dass das politische Kalkül in opportunistischer Absicht die Geschichte verfälscht.
01:18:59Nach dem Motto, es kann nicht sein, was nicht sein darf.
01:19:03Die Wahrheit bleibt auf der Strecke.
01:19:06Wir kennen sie und befinden uns in Lebensgefahr.
01:19:10Und wenn das nicht absurd ist?
01:19:12Eher Erkenntnis.
01:19:14Und damit müssen wir leben.
01:19:31Untertitelung des ZDF für funk, 2017
01:19:32...
01:19:32...
01:19:33Vielen Dank.
Kommentare